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Fußball-Fake: Wenn das Studio zum Stadion wird

Life Radio Tirol berichtet von den Fußballspielen einer Erstligamannschaft aus Tirol. Live. Allerdings kann der Kommentator aus Kostengründen bei Auswärtsspielen nicht im Stadion sein und kommentiert das Spiel aus dem Studio. Das muss der Hörer aber nicht wissen. Der Sender spricht von einem Einzelfall.

Es klingt alles so schön: die Moderatorin von Life Radio Tirol schaltet zu ihrem Kollegen und Kommentator Rainer Dierkes. Er befindet sich im Fußballstadion in Graz. Dort spielt die WSG Tirol an diesem Tag in der ersten österreichischen Liga. Die Stimmung im Stadion ist gut, das suggerieren die Fangesänge im Hintergrund. Und Dierkes stimmt die HörerInnen schon vor Anpfiff auf das Spiel ein. Es hört sich wie ein toller Fußballtag an. Es ist aber alles ein großer Fake, ein Bauerntheater.

Denn Dierkes ist gar nicht im Stadion. Er steht nur wenige Meter von der Moderatorin entfernt, genauer gesagt auf der anderen Seite des Studiotisches. Von dort schildert er seine Eindrücke. Und die sammelt er vom Bildschirm der Live-Übertragung aus dem Stadion in Graz. Die Geschichte kommt ans Licht, weil der Sender die Studiocam mitlaufen lässt. Nun sind die Bilder bei YouTube gelandet:

Die Moderatorin führt ins Thema ein, fährt die Stadionatmo vom Studiorechner ab und spricht dann ihren Kollegen in Graz an, der ihr eigentlich gegenüber steht. Der gesamte Ablauf wirkt so gut vorbereitet, dass er unmöglich spontan sein kann. Ist das dann eine Kreuzung aus Stadion und Studio? Ein Studion? Ein Stadio? Scherz beiseite. Passiert das bei Life Radio Tirol etwa öfter? Wir haben den Sender mit unseren Fragen konfrontiert. Und Antwort erhalten.

Sender spricht von Einzelfall

Geschäftsführer Gerald Pirchl schreibt fair radio, dass „es sich keinesfalls um eine bewusste, systematische Täuschung unserer HörerInnen“ handele. Pirchl räumt aber ein, „dass es im Rahmen dieser einen Übertragung zu einem Fehler unsererseits gekommen ist„. Seit sieben Jahre überträgt der Sender demnach die Spiele des Vereins. Die Moderatoren hätten „klare Anweisung, durch die Moderationen nicht den Anschein zu erwecken, der Kommentator würde live im Stadion sitzen.  Dies wurde auch die letzten Jahre immer so gehandhabt.“ An dem Tag, um den es hier geht, sind die Standard-Moderatorinnen ausgefallen: „Die Moderatorin, welche ganz kurzfristig eingesprungen ist, wurde hier nicht richtig eingewiesen und wollte es dann wohl besonders gut machen und Liveatmosphäre vermitteln.

In unseren Augen hat sie mit dem Vorgehen aber ihre Sache nicht besonders gut gemacht, sondern besonders schlecht. Sie hat die HörerInnen bewusst belogen und in die Irre geführt. Pirchls Mail verstehen wir so, dass die Moderatorin die Entscheidung dazu selber getroffen hat. Für uns drängt sich die Frage auf, wie und in welchem Umfeld sie arbeitet, dass sie überhaupt auf eine solche Idee kommt. Warum spielen die KollegInnen dieses Spiel mit und stoppen das Bauerntheater nicht? Und welchen Stellenwert hat die „klare Anweisung“ eines Senders, wenn sie so krass ignoriert wird?

Entschuldigung an HörerInnen und Konsquenzen

Geschäftsführer Pirchl entschuldigt sich in der Mail an fair radio, „sollten wir unsere HörerInnen so getäuscht, in die Irre geführt haben„. Er verweist darauf, dass Life Radio Tirol als vergleichsweise kleiner Sender gar nicht das Geld für solche Übertragungen bei Auswärtsspielen hätte. Insgesamt wirkt es für uns von fair radio so, als sei es tatsächlich ein Einzelfall, der leider einen bitteren Beigeschmack zurücklässt.

Auf Nachfrage von fair radio erklärt Pirchl auch die Konsequenzen. ModeratorInnen sollen künftig bei Vertretungen noch genauer instruiert werden. Es soll noch strikter darauf hingewiesen werden, dass nicht der Anschein erweckt wird, der Reporter sei bei Auswärtsspielen live im Stadion. Und künftig soll es bei Auswärtsspielen auch in der Webcam eine entsprecchende Info geben. Zum Youtube-Video schreibt Pirchl noch: „Es wird in dem Video eine bearbeitete Tonaufzeichnung verwendet. Hier ist zum Beispiel der Anfang gekürzt, in dem die Moderatorin darauf hinweist, dass sie für eine Kollegin einspringt.

Wir haben auch die österreichische Liga und Sky AT angeschrieben, bisher aber noch keine Antwort erhalten.

Auch in Deutschland schon passiert

Und wer nun denkt, dass so etwas in Deutschland nicht möglich ist, der sei an die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 erinnert. Da haben mehrere deutsche Privatsender ihre Berichterstattung zusammengelegt und behauptet, die Reporter würden sich live aus Brasilien melden. Sie saßen aber im Ruhrgebiet. fair radio hatte den Fall damals aufgedeckt.

Disclaimer: Über den Fall aus Tirol hatte zuerst dietiewag.org berichtet.

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