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Geografie für Privatradios:
Brasilien liegt im Ruhrgebiet

Wie Radiosender es schaffen,
live aus Brasilien zu berichten, ohne in Brasilien zu sein.

Autoren: Cornelius Metzger/Daniel Meyer

RioZeche

Rio im Ruhrpott…Privatradios können das.
Fotos: Michael + Nico Kaiser. CC via flickr.com

Mehrere große Privatsender in Deutschland haben für die aktuelle Fußball-Weltmeisterschaft zusammengeschmissen, zum Besten der Hörer. Unter anderem die Lokalradios unter dem Dach von radio NRW und die die Sender 104.6 RTL und 105’5 Spreeradio von RTL Radio Center Berlin. Gemeinsam bringen sie die FIFA-WM von Brasilien zu ihren Hörern nach Deutschland, alles live, alles direkt, in bester WM-Stimmung und vor allen Dingen: lizenziert von der FIFA.

Mit der offiziellen Lizenz im Rücken vergisst der Zusammenschluss aus Privatradios in Deutschland jedoch in unterschiedlichem Maße die gebotene Ehrlichkeit gegenüber seinen Hörern. 

Radioreporter kommentieren TV-Bilder

Denn wider Erwarten ist keiner der live-kommentierenden Fußballreporter wirklich in Brasilien. Das lizenzierte WM-Studio befindet sich im nordrhein-westfälischen Oberhausen. Wie uns eine „radio NRW“-Sprecherin bestätigt, sitzt dort ein Sportreporter, der das Spiel schaut und davon berichtet, was er in der Übertragung sieht. Unter dessen Reportage wird die Live-Atmo aus den jeweiligen Stadien in Brasilien eingespielt, die die FIFA offiziell für solche Zwecke zur Verfügung stellt.

Im Programm des „radio NRW“-Senders Radio Köln klingt das dann zum Beispiel so:

Vermutlich war die FIFA-Lizenz nicht ganz billig. Und dass es sich viele Sender nicht leisten können, zig Reporter mit Vollpension nach Brasilien zu schicken, dafür hätten sicherlich auch die meisten Hörer Verständnis.

Dennoch versuchen die beteiligten Sender ihr Möglichstes, um den Eindruck zu erwecken, dass das, was da aus dem Radio schallt, tatsächlich direkt aus Brasilien kommt.

Man muss schon ganz genau hinhören, um als fußballinteressierter Lokalfunkhörer die Spitzfindigkeiten in den Anmoderationen zu erkennen, denn da ist schlicht vom ortslosen „WM-Studio“ die Rede. Die Vermeidung der Ortsmarke Oberhausen dürfte sicherlich bei dem einen oder anderen Hörer der Eindruck erwecken, dass die Schalte tatsächlich aus Brasilien kommt – eine Wirkung, die die „radio NRW“-Sender an dieser Stelle wohl gerne in Kauf nehmen.

Lizenzen sind kaufbar, Glaubwürdigkeit nicht

In Berlin geht man allerdings noch einen Schritt weiter: Bei 104.6 RTL und 105’5 Spreeradio wird in der Anmoderation zu den Schalten nach Oberhausen nicht mehr nur der tatsächliche Ursprung der Reportage unterschlagen – da ist der Reporter von radio NRW dann plötzlich „für uns im Stadion von Brasilia“ oder „für uns live vor Ort“. Wohlgemerkt für Schalten zu einem Kollegen, der in Oberhausen vor einem Fernseher sitzt (und für Einblendungen, die zum Teil sogar nicht mal live sind).

Auf unsere Anfrage heißt es dazu von RTL Radio Center Berlin, dass man auf Formulierungen wie „Live aus dem Stadion“ oder „Live aus Rio“ etc. in solchen Fällen eigentlich verzichtet – „obwohl diese Formulierungen nach den Lizenzauflagen der FIFA gestattet sind.“ Die Realität, die unsere Mitschnitte zeigen, ist allerdings eine andere.

Der Kommentar von RTL Radio Center Berlin:

„Somit kann es sich bei Ihren Mitschnitten, die uns leider nicht vorliegen, nur um Moderationen handeln, die aufgrund der hohen Emotionalität und Begeisterung eventuell ungenau waren. Dies gilt es, für uns zu prüfen.“

Bewusste Hörertäuschung

Natürlich variiert der Grad der Täuschung in den einzelnen Sendern und Sendungen. Trotzdem schadet das Vorgehen von radio NRW und RTL Radio Center Berlin nicht nur der Glaubwürdigkeit des Radios im Ganzen, sondern beschädigt auch den Ruf seiner zölf Fußballreporter, die mit ihrem Namen dafür einstehen, wofür ihre Sender offiziell keine Verantwortung übernehmen wollen: Dafür, dass Oberhausen eben Oberhausen ist und nicht Brasilia.

Zwei Spiele mit deutscher Beteiligung wird es nach Veröffentlichung dieses Beitrags noch geben. Zwei Spiele, bei denen jeder selber nochmal überprüfen kann, wie viel Oberhausen in der „Live-Berichterstattung aus Belo Horizonte, Rio oder Brasilia“ steckt – und wie viel Fußball-Atmosphäre vor diesem Hintergrund noch übrig bleibt.


Nachtrag vom 13.7.
Immerhin, 104.6 RTL zeigt sich lernfähig: wie unsere Mitschnitte vom „kleinen Finale“ am 12.7. zeigen, passt man sich dort jetzt der Sprachregelung der Radio NRW-Stationen an und vermeidet konsequent jede Nennung des Ortes, an dem sich der Reporter befindet. Während des Spiels um Platz 3 wurde jede Schalte zum Reporter Otto Krause (Radio 90,1 Mönchengladbach) mit den fast immer gleichen Worten „hier ist unser RTL-WM-Reporter Otto Krause“ anmoderiert. Damit wurden die Hörer nicht mehr offen getäuscht – aber wir finden trotzdem: Glaubwürdigkeit schaffen und seine Hörer ernstnehmen, das sieht anders aus.

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