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Live ist live? Nicht beim WDR!

Wie der Westdeutsche Rundfunk den Live-Begriff aushöhlt. 

Sind Nachrichten „live“, wenn sie aufgezeichnet und  erst 20, 30, 90 Sekunden später gesendet werden? Der WDR sagt: Ja. Wir sagen: Nein. Und finden: Das geht gar nicht.

Die neuen WDR-Nachrichten im fair radio-Check.                                                        
Eins vorneweg: Hier geht es nicht um die neue Machart der WDR-Nachrichten. Nicht um die Frage, wie sinnvoll die Originaltöne, Musikbetten und Trenner sind. Nicht um die Frage, wie gelungen Kurzmeldungen und Talks in den Radionachrichten sind. Das darf gerne anderswo diskutiert werden.

Aber wenn ein Sender behauptet, seine Nachrichten seien live, sie in Wahrheit aber zeitversetzt sendet, dann  ist das etwas, was uns bei fair radio beschäftigt. Ganz einfach, weil wir das a) für Betrug am Hörer halten und weil man damit b) der Glaubwürdigkeit des Mediums schadet.

WDR TimeWarp fair radio

Und genau das macht der WDR seit 4. Juni: Seine Hörfunknachrichten für die WDR-Programme 2, 3, 4 und 5 werden seitdem mit Zeitversatz gesendet oder neudeutsch: mit Time Shift. Und weil das (nicht nur für Laien) gar nicht so einfach zu verstehen ist, hier eine kurze Erklärung:

Die Nachrichtensprecher beginnen mit ihren Sendungen jeweils eine Minute vor der vollen Stunde. Diese Sendungen werden aufgezeichnet, aber noch während die Aufzeichnung läuft, von den einzelnen Wellen abgerufen und gesendet.

Aber warum?

  • Weil es Geld spart, wenn nur noch eine Nachrichtensendung für vier Programme gemacht werden muss, statt vier Nachrichtensendungen.
  • Weil man durch den Zeitversatz trotzdem jede Nachrichtensendung mit den Soundelementen des jeweiligen Programms ausstrahlen kann.
  • Weil jedes Programm die Nachrichten dann starten kann, wenn es gerade besonders gut passt, sich also schöne Übergänge zum vorangegangene Musiktitel/der Werbung ergeben.

Für die Hörer heißt das: Wer zur Nachrichtenzeit durch die WDR-Kanäle 2, 3, 4 und 5 zappt, hört dieselben Sprecher mit demselben Text und denselben Einspielern zu jeweils unterschiedlichen Zeiten. Klingt irrtierend. Zum Beispiel am 4. Juni, 9 Uhr (Die Umschaltvorgänge haben wir akustisch kenntlich gemacht):

 

Und genau da liegt das Problem: Der Laie kann sich so einen Zeitversatz nicht erklären. Für ihn ergibt sich ein fragwürdiger Höreindruck, einer, der nicht zu seinen Erwartungen passt. Denn (noch?) gehen die meisten Hörer wohl davon aus, dass Radionachrichten live gesendet werden. Und (noch?) werden Radionachrichten ja auch genau so präsentiert.

Post radioforen.de - Radionachrichten wirken live

Post bei radioforen.de.
Viele Radiomacher sind überzeugt: Hörer halten Radionachrichten für live.

Auch der WDR erweckt trotz Zeitversatz den Eindruck, seine Nachrichten seien live. Allein, dass die Sendungen jeweils beginnen mit „Es ist xy Uhr“ muss als gezielte Irreführung der Hörer gelten, und der WDR tut sich keinen Gefallen, sich da mit Spitzfindigkeiten rauszureden.

Denn in der Praxis wurden die Nachrichten gleich am ersten Sendetag zum Teil erst anderthalb Minuten nach Beginn der Aufnahme gesendet. Das ist keine Bagatelle.

Erst recht, weil es im Hörfunk eigentlich bewährte Methoden gibt, Nachrichten auch dann live zu senden, wenn sie gleichzeitig in verschiedenen  Sendern ausgestrahlt werden. Man nennt es Backtiming und meint damit: Die Nachrichten starten punktgenau um 14 Uhr. Die Sendungen drumherum werden so getimet, dass sie punktgenau um diese Zeit zu Ende sind – eine Technik, die seit Ewigeiten zum Radio gehört und bei der Moderatoren die Restlaufzeiten der Musiktitel (einst sogar  ohne Rechenhilfen und Sendeunterstützung aus dem Computer, sondern mit Kopf, Papier und Bleistift) ausrechnen und so auf Zeit moderieren, dass es eben passt.

Dass der WDR sich ausgerechnet bei seinen Nachrichten für ein anderes Modell entschieden hat, bleibt rätselhaft und problematisch. Denn nach unserer Überzeugung verspielt man seine Glaubwürdigkeit nirgendwo schneller als in den Nachrichten.

Beim WDR scheint man es dagegen generell nicht mehr so genau zu nehmen mit dem Live-Begriff in den Nachrichten. Denn innerhalb der aufgezeichneten Sendungen werden neuerdings auch scheinbare Live-Gespräche mit Korrespondenten geführt, die in Wahrheit nur anmoderierte O-Töne sind. Und das hört man auch:

Auch hier ist der Höreindruck fragwürdig und irritierend.
Zwar ist diese Praxis aus den Magazin-Sendungen entliehen. Dort ist es schon länger üblich, voraufgezeichnete Antworten von Korrespondenten und Gesprächspartneren wie Live-Gespräche nachzuspielen. Gut ist sie dewegen noch lange nicht. Und glaubwürdige, unmissverständliche Alternativen gäbe es. Dass der WDR diese nicht für seine Nachrichtensendungen nutzt, sondern stattdessen auf die theatrale Show setzt, ist bedauerlich.

Wir von fair radio jedenfalls halten diese Art der Inszenierung für fragwürdig. Für uns gelten die Ideale des Tutzinger Appells:

Es wird nichts vorgegaukelt, was nicht wirklich so ist.
Nachrichtensendungen werden nicht vorher aufgezeichnet.

Alles andere schadet der Glaubwürdigkeit.

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