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Saubermänner mit schmutzigen Tricks?

Nach Antenne Bayern macht auch 89.0 RTL mit einem „Skandal“ von sich reden. Beide instumentalisieren dabei die Hörer und lassen sich als Moralapostel feiern. Doch die Medien schweigen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und die des Hörers? 89.0 RTL feiert sich als „Sauber-Sender“

 

Es soll ja immer noch Leute geben, die glauben: „Der Leikermoser ist ein Held.“ Und: „Das ist Zivilcourage.“ Denn Leikermoser, der Frühmoderator bei Antenne Bayern, hat sich heldenhaft geweigert, den Sexurlaub eines Hörers zu zahlen! Und das, obwohl die Spielregeln das angeblich verlangen und bei Weigerung Strafe droht. Mutig also, dieser Leikermoser. Die Kommentare auf facebook und youtube über ihn: geradezu Heldenhymnen.

Doch Leikermoser in München ist nicht der einzige aufrechte Radioheld dieser Tage: Auch bei 89.0 RTL in Halle lässt man sich von den Hörern derzeit als Retter der Moral feiern. Dort nämlich weigern sich die Radiomacher, einer Gewinnerin Geld für eine Abtreibung auszuzahlen. Mit denselben Argumenten, derselben Spielidee, derselben Empörungsmaschine. Jetzt ist die Frage: wer hat da bei wem geklaut? Oder besser: Wer hat den Sendern dieses Konzept verkauft? Denn an Zufall kann man unter den gegebenen Umständen nicht mehr glauben. Zu auffällig sind die Parallelen, zu ähnlich die Dramaturgie:

  • Beide Sender versprechen, ausgeloste Rechnungen ihrer Hörer zu bezahlen
  • In beiden Sendern ziehen die Frühmoderatoren – angeblich live und ohne vorherige Kontrolle – Gewinner mit moralisch zweifelhaften Anliegen.
  • Aber beide Moderatoren sind „zufällig“ geistesgegenwärtig genug, nicht die Namen der ausgelosten Gewinner vorzulesen.
  • Beide Programme sind laut Spielregeln angeblich zum Zahlen verpflichtet.
  • Beide inszenieren aktiv die Heldentat und füllen ihr Programm mit den Hörerreaktionen.

Und natürlich fallen bei „Skandale“ „zufällig“ in die Zeit der Media-Analyse (MA), jener Erhebung, die zweimal im Jahr ermittelt, welcher Sender von wem und wie vielen gehört wird. Dazu müssen sich in den Umfragen möglichst viele an den Namen des Senders erinnern und sagen: „Ja. Das hab ich in den letzten Tagen gehört.“ Um so besser also, wenn der Sender zuletzt Small-Talk- und Aufregerthema beim Bäcker, an der Bushaltestelle und auf dem Pausenhof war. Um das zu erreichen, ist offenbar jedes Mittel Recht. Auch der künstlich gepushte Skandal – eine Masche, die nicht das erste Mal zieht:

2004 zum Beispiel hat es Hitradio Antenne 1 aus Stuttgart in der MA-Zeit mit einem „Skandal“ in die Schlagzeilen geschafft. Frühmoderator Ostermann hatte damals Mitspieler bei einem Wortratequiz beschimpft. Daraufhin wurde das Spiel unterbrochen. Und Ostermann drohte angeblich noch in der laufenden Sendung die Kündigung. Seine zurückgebliebene Co-Moderatorin rief die Hörer zur Unterstützung auf. Erfolgreich versteht sich: Stunden-, ja tagelang, wurden bangende und flehende Hörer auf Sendung genommen. BILD-Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten berichteten. Über das Bangen der Hörer. Nicht über die Zweifel an der Echtheit der Geschichte. Die aber gab es schon damals. Denn ein Wiener Sender hatte kurz zuvor „zufällig“ denselben „Skandal“ erlebt. Und viele weitere sollten folgen:

2006 unterbricht das Leipziger Radio PSR ein Wortratespiel, weil sich Moderator Steffen Lukas angeblich verplappert und einen irregulären Tipp gegeben hat. Der Moderator wird beurlaubt. Das Thema im Sender über Tage im Gespräch gehalten. Mit Rechtsanwälten, Hörern, Wasserständen.

2007 wird ein Wortratespiel bei RPR1 in Ludwigshafen unterbrochen. Genau: Weil sich der Moderator verplappert und einen irregulären Tipp gegeben hat. Eine Iszenierung nach altbekanntem Muster.

Im selben Jahr ist auch Antenne Bayern zum ersten Mal mit dabei: Der zu rettende Lieblingsmoderator heißt schon damals Leikermoser. Wie seine Kollegen hatte auch er sich wieder bei einem Wortratespiel verplappert. Hörer mussten ihn in Schutz nehmen, Notare die angebliche Rechtslage klären.

Insgesamt hatten über die Jahre fast ein Dutzend Sender solche und ähnliche „Skandale“ im Programm. Das erstaunliche daran: Kaum jemand interessiert sich für die Hintergründe. Stattdessen dürfen die Sender ihre Schmierenkomödien immer und immer wieder spielen. Nur höchst selten wird über den Skandal HINTER den Skandalen berichtet. Horst Müller, selbst ein Ex-Hörfunker, ist einer der wenigen, der die Radiomacher offen als „Hütchenspieler“ gebrandmarkt hat. Doch sein fünf Jahre alter Artikel auf faz.net ist die Ausnahme. Viel häufiger schreiben die Zeitungen einfach, was schön ans Herz geht: „Ui, ein Skandal.“ Und: „Mönsch, der arme Moderator“. Was dahinter steckt, will keiner wissen. Manchmal vermutlich, weil die Zeitungen selber an den Sendern beteiligt sind. Manchmal aber vermutlich auch, weil sie’s einfach nicht besser wissen und wissen wollen.

Über den jüngsten „Sexurlaub-Skandal“ auf Antenne Bayern berichten selbst namhafte Medien wie WELT und FOCUS als seien sie Teil der sendereigenen PR-Abteilung: Ohne einen Hauch des Zweifels, ohne Hintergründe, ohne Einordnung. Und in Fernsehen und Radio braucht man auf Kritisches zu solchen Fällen erst recht nicht hoffen.

Und so bleibt die Frage: Wer soll all die Mikrofon-Schauspieler und Skandal-Inszenierer, die Hörer-Betrüger und Gefühlsmanipulierer stoppen, wenn nicht mal mehr darüber berichtet wird? Wenn keiner sich die Mühe macht, das Publikum noch aufzuklären? Wenn nicht mal die Aufrichtigen unter den Radiomachern Zeit finden, sich zu distanzieren von solchen Methoden und diese öffentlich anzuprangern?

FAIR RADIO findet: Es ist an der Zeit, endlich empört zu sein! Über die RICHTIGEN Skandale!

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