Suche
  • Tutzinger Appell.
  • Für ein glaubwürdiges Radio.
Suche Menü

Wer hat wem was verkauft? – Der „Fall SAW“….

UPDATE: Radio SAW muss Strafe Zahlen! (siehe unten)

 

Warum das Dementi des Senders nicht überzeugt und der Radiobranche schadet.

Screenshot Presseerklärung Radio SAW

Radio SAW wehrt sich gegen die Vorwürfe. Doch die Argumente scheinen wenig glaubwürdig.

Viele haben bezahlt. So viel steht fest. Aber wofür haben sie bezahlt? Das ist inzwischen die entscheidende Frage in der Diskussion um Radio SAW. Der Sender steht seit vergangener Woche im Verdacht, ganze Sendungen verkauft zu haben.

Überwiegend an Ministerien in Sachsen-Anhalt und die Landesbank IB. Aber auch an Verbände. Die sollen direkt Einfluss auf das Programm genommen haben. Auf Sendung habe das alles aber wie eine ganz normale Radiosendung geklungen. Das berichtete zunächst die Magdeburger Volksstimme, dann auch der MDR Sachsen-Anhalt.

Radio SAW dagegen dementiert. Doch das Dementi ist wenig überzeugend. Und wenig hilfreich obendrein.

Punkt 1:
Radio SAW sagt, die Sponsoren hätten keinerlei Einfluss auf die Inhalte der Sendungen (gehabt).

„Insbesondere stellen wir sicher, dass Dritte – gleich ob aus Politik, Medien oder
Wirtschaft – niemals Einfluss auf die redaktionelle Verantwortung und Unabhängigkeit
unseres redaktionellen Inhalts erlangen. So legen wir auch fest, um welche Inhalte es im
Rahmen unserer Berichterstattung geht und wie wir diese behandeln.“

Dass Radio SAW das so betont, ist nicht verwunderlich. Denn redaktionelle Hoheit ist ein entscheidendes Kriterium, um Werbung von PR zu unterscheiden. Werbebeiträge sind ungekennzeichnet verboten. PR-Beiträge sind ungekennzeichnet erlaubt, solange der Sender frei und eigenständig entscheidet, ob, wann und wie er sie sendet. Radio SAW pocht also darauf, dass alles legal war. Die eigene Redaktion habe die Sendung geplant.

Doch das klingt wenig glaubwürdig, wenn man liest, was die federführende Agentur und Sponsoren, also Ministerien und Verbände, über die fraglichen Sendungen schreiben.

Wiederholt nämlich teilen zahlende Ministerien mit, die jeweilige Radio SAW Spezial-Sendung sei der „Auftakt ihrer Kampagne“ gewesen, oder „bettet sich in die aktuelle Kampagne ein“. Noch deutlicher macht es der Paritätische Wohlfahrtsverband auf seiner Homepage. Auch dort erscheint in der Rubrik „Kampagne“ ein Artikel zu einer Radio SAW Spezialsendung 2011. Und nach der Begründung, warum man sich für Radio SAW entschieden hat, werden die „Organisatoren“ der Sendung vorgestellt:

Screenshot 2 2015-09-16 16_13_20-Der PARITÄTISCHE Sachsen Anhalt - Hilfe, die wirkt.

Organisierten die Radiosendung gemeinsam:
Maren Sieb, Moderatorin bei radio SAW/ Inhaberin der ISA_i_motion und
Marcel Kabel Referent Altenhilfe und Pflege beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Sachsen-Anhalt

Das liest sich praktisch: Kunde, Agentur und Moderatorin organisieren die Sendung gemeinsam. Ist ja auch einfach: Denn Maren Sieb war über Jahre hinweg ganz offiziell Moderatorin bei SAW – überwiegend für die umstrittenen Spezial-Sendungen – und gleichzeitig Inhaberin der Agentur, die viele der gesponserten Sendungen organisiert hat. Das zeigt auch ihr offenes facebook-Profil. (Und die Magdeburger Volksstimme berichtet inzwischen darüber.)

Diese Personalunion ist mehr als ungewöhnlich und dürfte wohl kaum unter „Trennung won Werbung und Redaktion“ fallen. Aber es kommt noch besser: 2011 hat Maren Sieb ihre Jobs als Moderatorin und Agentur-Geschäftsführerin aufgegeben. Sie wurde nämlich als Geschäftsführerin der landeseigenen Lotto-Gesellschaft berufen. Böse Zungen behaupten: Als Dank dafür, dass sie den Wahlkampf von Jens Bullerjahn so schön moderiert hat. Mit Jens Bullerjahn, dem damaligen SPD-Spitzenkandidat und jetzigen Finanzminister  war sie 2011 auf Wahlkampftournee. Mit Showgesprächen.

Und Zufall oder nicht: Ausgerechnet eine Kampagne aus Bullerjahns Finanzministerium war Thema der Radio SAW Spezial-Sendung, die jetzt zu Vorwürfen geführt hat.

Doch hier geht es nicht um Maren Sieb. Es geht ganz prinzipiell darum, wie Radio SAW scheinbar nur „gesponserte Sendungen“ hat planen lassen. Und das Prinzip ist unschwer zu erkennen: Man hat sie Sendungen von der Agentur planen lassen. Zu diversen SAW Spezial-Sendungen schreibt die Agentur jedenfalls auf ihrer Internetseite:

Leistungen ISA-i-motion:
Konzept, Umsetzung, Moderation

oder auch

Leistungen ISA-i-motion:
Idee, Konzept, Recherche, Umsetzung, Moderation on Air

Welche Rolle die Redaktion von Radio SAW da noch bei der Sendeplanung gespielt haben soll, ist nicht so recht vorstellbar.

Screenshot Wohlfahrtsverband Redaktion

Kein Geheimnis: Radiosendungen wurden von der Agentur komplett entwickelt, recherchiert, umgesetzt, moderiert.

Noch deutlicher formuliert es die Agentur mit Blick auf eine Sendung für den Paritätischen Wohlfahrtsverband Mecklenburg-Vorpommern. Dieses Mal für die Ostseewelle Hitradio Mecklenburg-Vorpommern. Und offenbar ähnlich wie für den Paritätischen Wohlfahrtsverband Sachsen-Anhalt und Radio SAW. Denn da ist offen von redaktioneller Arbeit die Rede (wenn auch mit Tippfehler):

Leistungen ISA-i-motion:
Idee, Radiokonzept, Reaktion (sic!), Organisation/ Koordination und Moderation der Sendung

Das jüngste Statement von Radio SAW liest sich so gesehen etwas doppeldeutig:

Denn ja: Eine SAW Mitarbeiterin hat für die Spezial-Sendungen „fest[gelegt], um welche Inhalte es im
Rahmen unserer Berichterstattung geht und wie wir diese behandeln.“ Aber bis (mindestens) 2011 war diese Mitarbeitern gleichzeitig Inhaberin der Agentur, die die Sendung verkauft hat. Wir haben Zweifel, ob damit wirklich sicher gestellt war, „dass Dritte – gleich ob aus Politik, Medien oder Wirtschaft – niemals Einfluss auf die redaktionelle Verantwortung und Unabhängigkeit
unseres redaktionellen Inhalts erlangen“.

Punkt 2:
Radio SAW sagt, man habe den Kunden nicht die Sendungen verkauft, sondern nur das Sponsoring dafür.

„[…] wie dies für viele andere Sendungen auch üblich ist, bieten wir für das Format „radio SAW Spezial“ die Möglichkeit an, Sponsorpartner der Sendung zu werden.“

Gemeint sind damit wohl Sendungskennungen wie diese, die in den Mitschnitten des jüngsten „Radio SAW Spezial“ zu hören sind:

Darin heißt es:
„Radio SAW Spezial – Stark III – ein starkes Stück für Sachsen-Anhalt“

Doch ist das wirklich ein Sponsorenhinweis? Wohl kaum.

Der Name des Sponsors wird ja gar nicht genannt. Dass die IB, die Landesbank von Sachsen-Anhalt, dafür bezahlt hat und die Sendung sponsert, ist daraus nicht zu erkennen.

Selbst wenn das mehrmals die Stunden gelaufen sein sollte: Als Sponsorenhinweis gemäß Werberichtlinien der Landesmedienanstalten (Ziffer 7) kann man das kaum durchgehen lassen. Schließlich ist der Sinn des Hinweises ja, dass Hörer eine Sendung als gesponsert erkennen können sollen.

Punkt 3:
Radio SAW sagt, diese Form des Sponsorings sei üblich und legal.

„radio SAW hält sich im Rahmen von Werbetätigkeiten und Sponsorings an die gesetzlichen Vorgaben.“

In der Tat haben inzwischen mehrere Ministerien in Sachsen-Anhalt zugeben, Spezialsendungen bei Radio SAW gesponsert zu haben. Diese Form des Sponsoring IST also üblich. Aber ist diese Zusammenarbeit mit Ministerien auch gesetzeskonform? Immerhin regeln die Werberichtlinien der Landesmedienanstalten, Ziffer 7, Absatz 9:

„Politische, weltanschauliche oder religiöse Vereinigungen dürfen Sendungen nicht
sponsern.“

Bleibt also die Frage: Sind Ministerien politische Vereinigungen? Das scheint nicht abwegig. Und wenn man überlegt, welche Absicht hinter der Regelung steckt, scheint es auch sinnvoll, Ministerien als politische Vereinigungen einzustufen. Schließlich geht es darum, versteckte politische Werbung zu unterbinden.

Keine Frage: Über all diese Punkte muss jetzt die Landesmedienanstalt entscheiden, die zumindest die jüngste Sendung von Radio SAW überprüfen will. Alle anderen liegen vermutlich zu lange zurück.

Und in der Tat: Es kann nicht darum gehen gesponserte Sondersendungen im Radio generell zu verbieten. Sie sind für viele Privatsender, was Redaktionsbeilagen für Zeitungen sind.

Doch die Grenzen zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten dürfen nicht verwischen. Und wir müssen diese Grenzen verteidigen. Überschreitungen müssen streng geahndet werden. Denn es geht um die Glaubwürdigkeit unseres Mediums.

Und selbst, wenn sich im „Fall SAW“ am Ende alles noch irgendwie als rechtens herausstellt und wenn die Landesmedienanstalt befindet, das sei doch „mit den Richtlinien vereinbar“: Spitzfindige Verteidigungsreden wie die von Radio SAW helfen nicht weiter. Was hilft, ist: Gesponserte Sendungen klar kennzeichnen. So klar, dass jeder Hörer eine faire Chance hat, das Sponsoring zu erkennen. Und wir sollten Werbung und redaktionelle Inhalte so klar trennen, dass kein Journalistenkollege bei Recherchen auf fragwürdige Zusammenhänge stoßen kann. Weil es sie nicht gibt.

So rettet man die Glaubwürdigkeit. Und nicht anders.

 

UPDATE:

Die Medienanstalt Sachsen-Anhalt  hat reagiert und Radio SAW zu einer Strafzahlung von 22.000 € verdonnert.

 

Die Versammlung der MSA stellte einstimmig fest, dass die Sendungen „SAW Spezial Thema Opferschutz“ vom 29.06.2015 und „SAW Spezial Thema STARK III“ vom 07.09.2015 […] gegen das Verbot der Themenplatzierung – das die unabhängige Berichterstattung sichert – sowie gegen Transparenzvorgaben beim Sponsoring verstoßen hat. Die Sendungen wurden beanstandet und gegen die VMG GmbH wurde ein Bußgeld in Höhe von insgesamt 22.000 Euro festgesetzt.

 

Wir freuen uns, dass von uns kritisierte Methoden jetzt auch von der MSA als unvereinbar mit den Richtlinien anerkannt werden.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


2 × 4 =