Suche
  • Tutzinger Appell.
  • Für ein glaubwürdiges Radio.
Suche Menü

Gleich passiert was Entscheidendes: Darf ich verschiedene Beitragsvarianten voraufzeichnen?

Jeder Reporter kennt diese Situation: Man wartet auf ein bestimmtes, wichtiges Ereignis. Gleich tritt es ein – oder eben nicht. Aber in den Nachrichten soll das passende Stück dazu laufen.

Also: In X-Stadt soll noch heute vormittag, der Kamin des alten Heizkraftwerks gesprengt werden. Oder eben: Vor wenigen Minuten ist der Kamin des alten Heizkraftwerks in X-Stadt gesprengt worden.

So oder so, soll der Reporter dann in einem Einspieler Einzelheiten dazu erklären. Aber wie kann man das sicherstellen? Ganz einfach: Man zeichnet zwei Varianten auf. In der einen wartet man noch auf die Sprengung in der anderen ist der Turm schon gefallen.

Aber darf man das? 

Natürlich darf man, aber bitte mit journalistischer Vorsicht und ohne die Wahrheit zu verfälschen.

Denn Voraufzeichnungen, die Ereignisse vorwegnehmen sind heikel. Es besteht die Gefahr, eine (vor)ausgedachte Wirklichkeit zu schildern statt der tatsächlichen Ereignisse.

Nachrichtenminuten wie diese voraufzuzeichnen, verlangt deshalb eine besonders akribische und sorgsame Vorgehensweise. Denn in so einer Nachrichtenminute dürfen nur Fakten geschildert werden, die den reinen Sachverhalt beschreiben. Formulierungen wie: “Staub liegt in der Luft” oder “Mit einem lauten Krachen ist der Turm zu Boden gegangen” verbieten sich dann. Denn sie täuschen eine Schilderung vor, die so gar nicht möglich war.

Erfahrene Kollegen wissen das und formulieren schilderungsfrei. Die Aktualität steckt dann also im jeweiligen Einleitungssatz des Nachrichtensprecher. Der (vorbereitete) Einspieler des liefert „nur“ Hintergrund: Warum die Sprengung? Wie? Und was kommt danach? Wer mehr will, muss sich trauen live und direkt auf Sendung zu gehen!

Wem das arg erbsenzählerisch erscheint, dem sei gesagt, dass bisweilen schon die banalsten aufgezeichneten Schilderungen auf unangenehme Art von der Wirklichkeit eingeholt wurden. Der Kollege zum Beispiel der an einem Sommermorgen von einem Großereignis berichten sollte und schon am Vorabend aufgenommen hatte, dass sich hunderte Teilnehmer unter der aufgehenden Sonne am Marktplatz versammelt hatten, musste später erstaunt feststellen, dass die Teilnehmer dort im dichten Nebel standen. Über den Einspieler im Radio hatten sie (und andere Hörer vor Ort) sich mehr als gewundert. Und der Glaubwürdigkeit als Reporter hat es geschadet.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mein erster Sender hatte Werbung auf einem Heißluftballon gebucht. Zum ersten Start (morgens gegen kurz nach sechs) wurde Reporter Paul Z. für eine Liveschalte rausgeschickt. Zehn Minuten nach der Schalte meldete sich der Pilot im Sender und lobte die detailreiche, anschauliche und spannende Reportage. Nur leider habe der Ballon wegen starker Windböen gar nicht starten können, sei nicht mal ausgepackt worden. Paul Z. sei auch nicht am Startplatz erschienen. Lange hat der Kollege nicht mehr bei diesem Sender gearbeitet.

    Antworten

    • Genau diese Live-Fakes wollen wir von fair-radio im Radio nicht. Sie schaden nicht nur der Glaubwürdigkeit dieses einen Senders, sondern der gesamten Branche. Wir fragen uns an dieser Stelle aber, von wem der Impuls ausging, die Reportage zu faken – also ob der Reporter das eigenmächtig entschieden hat oder auf Druck des Senders so gehandelt hat. Ehrlich gesagt kennen wir nur den letzten Fall.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


53 − 52 =