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Nachvertontes DLF-Interview löst Spekulationen aus.

Wie man sie hätte  vermeiden können.
Autor: Daniel Meyer

Wenn es im Radio ungewohnt klingt, sich etwas seltsam anhört, dann gewinnt man Aufmerksamkeit beim Hörer. Die will man im Radio und manchmal bekommt man sie auch einfach so. Ohne viel zu leisten, wegen technischer Probleme. Die gab es wohl auch jüngst in einer Sendung des Deutschlandfunks. Leider fehlt sowohl auf der Homepage des DLF als auch in der On Air Präsentation ein Kommentar dazu – das führte nun zu teils wilden Spekulationen im Internet.

Aber worum geht es eigentlich? Die Sendung heißt „Corso“, läuft im Deutschlandradio und DRadio Kultur DLF und darin kündigte am 25.11.2013 die diensthabende Moderatorin ein Interview zwischen der Schauspielerin und Sängerin Ute Lemper und dem vielgebuchten Musikjournalisten Marcel Anders mit diesen Worten an: „(…) Mein Kollege Marcel Anders hat sie zum Corso-Gespräch getroffen.“

8 Minuten und 25 Sekunden lang hört man dort Ute Lemper und wahrscheinlich auch Marcel Anders. Was man aber ohne Zweifel nicht hört, ist ein Gespräch zwischen den beiden. 

Anders feuert eine Frage nach der anderen ab, in einem Stil, den ich als (schlecht) moderierte O-Töne kennengelernt habe. Der Sprecher hat dabei eine gewisse Anzahl an „O-Tönen“, die einem aufgezeichneten Interview entnommen sind und das nicht notwendigerweise von dem aktuell hörenden Sprecher geführt worden ist.

Die Darstellungsform hat durchaus ihre Berechtigung, am geschicktesten eingesetzt wird sie im Bereich der Sachinterviews. Das wird dann aber tunlichst nicht als Gespräch verkauft. Und für die Wiedergabe emotional aufgeladener Gespräche ist diese Darstellungsform sowieso denkbar ungeeignet.

 

Das vorliegende „Corso-Gespräch“ ist der beste Beweis dafür:

 

  • Ute Lemper ist darin fast durchgehend in einer heiteren, gelösten Stimmung, die sich jedoch an keiner Stelle in der Sprechhaltung von Marcel Anders wiederfindet.
  • Marcel Anders fragt Fragen, die er in Kenntnis der folgenden Antwort formuliert und mit 99% Sicherheit nicht im Beisein von Ute Lemper aufgenommen hat.
  • Man kann bei genauem Hinhören ein Brummen vernehmen wenn Anders spricht, das bei den Antworten Lempers verschwindet. Das weist auf unterschiedliche Mikros oder Aufnahmeorte bzw. Zeitpunkte hin.
  • Man hört vereinzelte Schnitte in den Antworten Lempers, die Anschlüsse sind viel zu direkt und teilweise unlogisch.
  • Am gravierendsten wiegt jedoch die völlige Emotionslosigkeit des Interviewers im Kontrast zu der offensichtlich gelösten und heiteren Gesprächsatmosphäre in der die Antworten Lempers aufgezeichnet wurden.

 

Stellt sich die Frage, warum das Ganze?

Auf Nachfrage teilt eine Redakteurin der DLF-Redaktion „Corso“ mit:

DLF Mail zu Interview Ute Lemper

In der Tat: „Technische Gründe“ für so eine Nachbesserung sind vorstellbar: Anders war eventuell kaum zu verstehen, weil das Mikro in der Interviewsituation auf Ute Lemper eingestellt war. Möglicherweise hat Anders zunächst nur Fragen gestellt, um O-Töne für einen Beitrag zu holen. Eventuell war er an besagtem Inteviewtermin heiser, seine Stimme unangenehm aufgenommen und nicht sendbar. Wir müssen aber gar nicht spekutlieren. Denn:

Am Kern der Sache sind wir damit schon vorbei. Der Kern ist, faires Radio zu machen, das leicht verständlich sein soll, aber seinen Hörern auch etwas zutraut und sie nicht für dumm verkauft.

„So aufrichtig wie möglich“ muss das Motto also heißen. Ein Interview mit nachgestellten Fragen nachzuvertonen, ist da schon grundsätzlich eine heikle Sache. Denn es birgt die Gefahr, dem Gespräch eine andere Note zu geben, als es das urprünglich hatte. Und es birgt die Gefahr, vom Hörer als unstimmig erkannt zu werden. Genau das ist hier geschehen. Der Glaubwürdigkeit des Radios ist ein Schaden entstanden. Unnötigerweise vermutlich. Denn das Gespräch hat ja nach Angaben der Redaktion stattgefunden.

Es wäre also wohl besser gewesen,

  • den Hörer, einfach auf die Umstände hinzuweisen und ihm den etwas kuriosen Höreindruck zu erklären

oder

  • einen gebauten Beitrag, also ein klar als bearbeitet erkennbares Stück, daraus zu machen.

oder

  • das Interview einfach ganz wegzulassen.

Aufrichtig eben. So wie es die DLF-Redaktion dann auf unsere Nachfragen war. Und so wie es die Hörer von Anfang an verdient hätten.

 

 

0 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kleine Korrektur: das Kulturmagazin „Corso“ läuft nicht „im Deutschlandradio und DRadio Kultur“ (was auch widersinnig wäre, da DKultur eines von drei Programmen der Rundfunkanstalt Deutschlandradio ist), sondern ausschließlich im Deutschlandfunk, was im ersten Abschnitt auch noch richtig steht. Vielleicht hast Du es mit der Schwestersendung „Fazit“ verwechselt, die im DKultur läuft und im DLF wiederholt wird?

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  2. Da schlugen die Wellen im Vorfeld wieder einmal hoch.
    Dabei ist die Erklärung so simpel wie nachvollziehbar.
    Also wieder einmal viel Lärm um nichts.

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  3. @ Freiwild. Danke für die Info.

    Ich kenne „Corso“ auch nur aus dem DLF, höre aber selber kaum DRadio Kultur. Deshalb habe hier wohl etwas vorschnell der Info des Urhebers der Diskussion (Link oben, „wilde Spekulationen“) vertraut. Der schrieb es im DRadio Kultur gehört zu haben. Und ich kann mir durchaus vorstellen kann, dass das Interview auch bei DRadio Kultur gelaufen ist.

    „Corso“ ist aber eine Sendung des Deutschlandfunks, da beißt die Maus keinen Faden ab.

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  4. „So aufrichtig wie möglich“ muss das Motto also heißen. Ein Interview mit nachgestellten Fragen nachzuvertonen, ist da schon grundsätzlich eine heikle Sache. Denn es birgt die Gefahr, dem Gespräch eine andere Note zu geben, als es das urprünglich hatte.
    .
    Das macht die Printjournaille doch andauernd. Max Goldt hat mal wunderbar beschrieben, wie z.B. im Berliner „tip“ ein Interview mit David Bowie gedruckt wurde, bei dem die kecken, mutigen, frechen „Fragen“ ganz offenbar erst hinterher im warmen Büro ausgedacht und hinzugeschrieben wurden.

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