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„Immer fünf Minuten früher informiert“ –
mit den Nachrichten von gestern bei 89.0 RTL

UPDATE vom 28. Februar 2014 lesen
89.0 RTL sendet den ganzen Morgen aufgezeichnete Nachrichten

Der gleiche holprige Übergang, die wortgleichen Nachrichten, sogar immer die gleiche Betonung. Das kam uns schon merkwürdig vor, als wir durch Zufall über die 6-Uhr-, 7-Uhr– und 8-Uhr-Nachrichten von 89.0 RTL gestolpert sind. Und siehe da:

Wenn man die Nachrichten im Schnittprogramm übereinanderlegt, wird aus dem Stimmenwirrwarr nach der (jeweils unterschiedlichen!) Anmoderation plötzlich ein klares Sprachbild. Die Nachrichten sind bis auf den kleinsten Ton identisch. Es ist eine Aufzeichnung, die hier jede Stunde wiederholt wird.

Leider war dieser Vormittag keine Ausnahme – denn nicht nur an diesem einen Tag spielte 89.0 RTL aufgezeichnete, identische Nachrichten mehrmals hintereinander. Auch an anderen Tage scheint das üblich zu sein:

Nun könnte man sagen: Gut, wenn sich an den Nachrichten eben nichts geändert hat… Wir finden: Nicht gut! Aus verschiedenen Gründen.

Die Nachrichten sind alt. Der Steinmeier-O-Ton stammt aus der 19-Uhr-“heute“-Sendung des ZDF vom Vortag. Alle Meldungen sind nach unserer Recherche auf dem Stand vom Vorabend. Entweder wird hier massiv an Agenturzugang gespart und das Abschreiben von Online-Portalen gestaltet sich morgens um 5 Uhr noch etwas schwierig – oder es hat morgens einfach niemand versucht. Das wäre wohl noch schlimmer.

Es wird suggeriert, dass die Nachrichten live seien. „Damit alles wichtige heute Morgen für dich, rüber in RTL-Aktuell…“ ist die wörtliche Formulierung. Kein Hörer denkt hier an eine Aufzeichnung, an Nachrichten, die vielleicht in diesem Moment gar keine Nachrichten mehr sind. Hier wird der Hörer gezielt getäuscht, es wird die Arbeit einer aktuellen Redaktion vorgespielt, die so offenbar gar nicht existiert. Wie verlässlich ist der Sender hier für seine Hörer?

Die Idee von Nachrichten wird pervertiert. Eben gerade durch die Live-Situation – und nur durch die Live-Situation – haben Radio-Nachrichten ihre Berechtigung. Der aktuelle Stand in genau diesem Moment – nicht der Stand von vor vielen Stunden, möglicherweise vom Vorabend. Hier wird offenbar massiv Personal eingespart und trotzdem Nachrichten gesendet, um die Lizenzauflagen gerade noch so erfüllen zu können. Es bleibt fraglich, ob dies damit gelingt. Und es spricht von einer ganz besonderen Art von Verachtung seiner Hörer, sie für so blöd zu halten.

Mehr dazu in unserem Ethik-FAQ.

Gerne hätten wir erfahren, warum 89.0 RTL das so macht. Deshalb haben wir per E-Mail nachgefragt. Die Antwort fiel recht kurz aus.

[…]

vielen Dank für Ihre Email und Anfrage.
Bitte akzeptieren Sie jedoch, dass wir Ihnen – egal zu welchen Themen – derzeit keine Auskunft geben.

Mit freundlichen Grüßen

André Gierke
Leiter Unternehmenskommunikation

Schade. Vielleicht gibt es ja Gründe für diese Hörertäuschung, die wir bisher übersehen haben.

+++ UPDATE 28. Februar 2014+++

Nach unserem Bericht hat André Gierke von 89.0 RTL zwar weiter nicht mit uns, aber mit der epd gesprochen: Demnach soll „‚Personalmangel‘ wegen zahlreicher Krankheitsfälle“ Ursache für die über Stunden gleichen, aufgezeichneten Nachrichten sein. Normalerweise, so behauptet Gierke weiter gegenüber epd, „arbeiten in der Frühschicht der Nachrichtenredaktion in der Regel vier bis fünf Redakteure, die die Nachrichten für 89.0 RTL und für Radio Brocken machen.“ Das klingt natürlich nach einer starken Grippewelle, die die Redaktion da ereilt hat, wenn plötzlich niemand mehr da ist, der aktuelle Nachrichten machen kann…

Gierke behauptet bei der epd weiter: Die Nachrichten bei 89.0 RTL seien sonst „immer live“. Das kann so nicht stimmen: Denn ab 10 Uhr laufen bei 89.0 RTL die Nachrichten des Dienstleisters BLR – und die sind nie live, wirbt doch die BLR damit, dass sie den Sendern ihre Nachrichten per Audiodatei auf einem Server zum Herunterladen anbietet:

unmittelbar 5 Minuten vor der vollen Stunde, per FTP-pull oder andere auf Anfrage

Auch wenn 89.0 RTL damit wirbt „5 Minuten früher zu informieren“, geht doch aus der BLR-Werbung deutlich hervor, dass sie nur aufgezeichnete Nachrichten anbietet. Fair Radio hat inzwischen Programmbeschwerde bei der zuständigen Landesmedienanstalt MSA eingereicht. Denn die aufgezeichneten Nachrichten verstoßen eindeutig gegen das Landesmediengesetz von Sachsen-Anhalt:

§3 Abs. 6 „Berichterstattung und Informationssendungen haben den anerkannten journalistischen Grundsätzen […] zu entsprechen.“

§3 Abs. 5 „Alle Rundfunkteilnehmer sind in ihren Sendungen zur Wahrheit verpflichtet.“

§3 Abs. 8 „Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten […]

JedeR HörerIn darf übrigens selbst eine Programmbeschwerde einreichen.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • @Torsten: Das ist leider kein neues Argument. Und irgendwie auch nicht wirklich ein „Argument“: „Alle machen Mist“ = Dann ist das schon in Ordnung? Das finden wir nicht wirklich hilfreich. Mal abgesehen davon, dass viele HörerInnen sich verschaukelt und nicht ernst genommen fühlen, wenn Sie so etwas bemerken und erfahren.

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  1. Hier wird offenbar massiv Personal eingespart, um die Lizenzauflagen gerade noch so erfüllen zu können.

    Der Satz würde ja bedeuten, dass die Lizenzauflagen vorschreiben kein/kaum Personal einzusetzen.

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  2. Worüber soll man lauter lachen? Über das lustige Deutsch in „Damit alles wichtige heute Morgen für dich, rüber in RTL-Aktuell…“ oder über einen Leiter Unternehmenskommunikation, der nicht kommuniziert? (Paul Watzlawick lässt grüßen)

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  3. Ist bei bigFM genau das gleiche. Da werden Nachrichten alle 2 Stunden eingesprochen, allerdings nicht von bigFM selbst. RPR1 Newsredakteure sprechen sie für Rheinland-Pfalz und Radio Regenbogen für Baden-Württemberg ein. Wird dann alles über ein Regiopaket gefahren.

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  4. Ich weiß auch von anderen „großen“ Programmen, dass dort die Nachrichten praktisch nie live sind, sondern – bestenfalls kurz vorher – voraufgezeichnet. Offiziell aus Qualitätsgründen.

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  5. „Hoffen wir, das die Opfer nicht umsonst waren.“ So ein Satz hat in den Nachrichten nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Aber gut, sind ja auch keine Nachrichten, sondern RTL aktuell. Hoffen wir, das niemand diesen zusammengklaubten, aufgezeichneten Mist als Nachrichten mißversteht.

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  6. Ist schon dreist vom Leiter Unternehmenskommunikation! Der lebt wohl in seiner eigenen Welt? „Nö – euch sag ich nix!“ Wäre es wirklich live, hätte er es sofort dementiert. Aber mit dieser Auskunft hat er das ganze nur noch untermauert!

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  7. Antwort durch den Leiter Unternehmenskommunikation, der nicht kommunizieren mag. RTL at its best

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  8. @Freiwild:
    In der Tat senden viele Sender aufgezeichnete Nachrichten.
    Und fast alle führen offiziell „Qualitätsgründe“ ins Feld. Aber was genau ist damit gemeint?

    Kriegen die Sender sonst keine fehlerfrei gesprochenen News on air?
    Ist es andernfalls zu schwierig auseinandergeschaltete News passend auf Zeit zu lesen?
    Nein. Beides ist mit der richtigen Technik und geschultem Personal locker möglich. Es gibt Sender, die das beweisen.

    Der wahre Grund für aufgezeichnete Nachrichten lautet bei vielen Sendern also eher: Personalmangel.
    Um fünf verschiedene Live-Nachrichtensendungen zu machen, braucht man halt mindestens fünf NachrichtensprecherInnen.

    Und ja: Nicht alle Sender KÖNNEN sich das leisten. Nicht alle Sender WOLLEN sich das leisten.
    Kein Ding. Aber halt auch noch lange kein Grund, anderes vorzugaukeln.

    Erst recht, wenn die aufgezeichneten Meldungen nicht nur fünf Minuten, sondern Stunden alt sind.

    Übrigens: Es war ja offenbar auch nicht das erste Mal, dass ausgerechnet 89.0 RTL mit Uralt-News auffiel. http://www.radioforen.de/index.php?threads/nachrichten-bei-89-0-rtl.6137/

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  9. Das soll nicht als Entschuldigung dienen, aber in der Tat sind bei vielen Sendern die Nachrichten uralt. So meldet z. B. Radio 21 häufig Sachen, die einen Tag vorher schon in der Zeitung standen. Dann wird immer stolz in die „Nachrichtenredaktion“ umgeschaltet. Die stell ich mir so vor: Da sitzt ein Praktikant, der Meldungen aus der Zeitung ausschnippelt und sie einem Sprecher hinlegt.
    Ich habe auch den Verdacht, dass bei den Privatsendern manche „Live-Schaltungen“ an irgendwelche Orte gefaket sind. Da wird die Stimme des Sprechers so verfremdet, dass sie nach Telefon klingen soll. Nur dass Stimmen im Telefon bestenfalls in den sechziger Jahren noch so geklungen haben. (Sorry, falls es für das Thema hier einen anderen Thread gibt.)

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