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NRW-Lokalradios wehren sich gegen fragwürdige Gewinnspiele

Hinter den Kulissen ist von „Hörer-Verarsche“ die Rede

Das gibt es nicht alle Tage: In NRW haben sich sieben Chefredakteure schriftlich von einem Gewinnspiel distanziert, das in ihren eigenen Radioprogrammen gespielt wurde. Ein Gewinnspiel namens „Tresorknacker“, das von denen, die es präsentieren müssen, gerne mal als „Volksverdummung“  und „Hörer-Verarsche“ bezeichnet wird.

Doch jetzt wollen sieben NRW-Lokalsender nicht mehr mitspielen. Sie wehren sich gegen diese Art Gewinnspiele, die ihnen von ihrem Mantelprogamm „Radio NRW“ verordnet werden. Sieben  Chefredakteure haben dazu  mit ihren Veranstaltergemeinschaften eine Resolution verfasst, die auch FAIR RADIO vorliegt. Darin heißt es: Wenn sich nicht Grundsätzliches ändere, wolle man solchen Gewinnspielen in den relevanten Gremien keine Zustimmung mehr erteilen. Doch worum genau geht es?

Auslöser war der „Tresorknacker“. Das Spiel lief Anfang des Jahres. Hörer wurden dabei angehalten, auf einer kostenpflichtigen Nummer anzurufen und einen fünfstelligen Code zu erraten. Mit dem ließ sich ein Tresor öffnen, in dem bis zu 100.000 Euro lagen. Dass ein Anruf aus dem deutschen Festnetz 50 Cent kostet und vom Handy deutlich teurer werden kann, wurde jedes Mal korrekt angegeben. Soweit, so gut, so unspektakulär. Kostenpflichtige Telefongewinnspiele im Radio sind weder verboten noch verwerflich, so lange die Teilnahmebedingungen klar sind.

Doch der „Tresorknacker“ blieb – wie auch ähnliche Spiele zuvor –  für die Hörer undurchsichtig. Denn Radio NRW leitet seine Lokalstationen an, Spiele wie lokale Gewinnspiele zu präsentieren. Also: „100 Prozent von hier“ und – im Falle des „Tresorknacker“ mit der Chance, einen „Antenne Münster-Tresor“ zu knacken. Ganz so, als wäre das ein Spiel nur für die knapp 300.000 Einwohner in Münster und nicht für knapp 18 Millionen in NRW. Dem Hörer wird also eine Gewinnchance vorgegaukelt, die keineswegs realistisch ist.

Martin Knabenreich, Chefredakteur von Radio Bielefeld, hält das für unlauter. Schon lange hat er seine Moderatoren deshalb angewiesen, andere, eindeutige Formulierungen für das Gewinnspiel zu verwenden, die es klar als landesweite Aktion ausweisen. Von Radio NRW aber sei das torpediert worden. Tatsächlich, bestätigt einer seiner Kollegen, der lieber nicht namentlich genannt werden will, „hätten einige von uns lieber eine ganz ehrliche Lösung mit der klaren Ansage: ‚Wir schalten jetzt zu Radio NRW‘. Doch da ziehen nicht alle mit.“ Denn offenbar sind einige Lokalsender auf  die Gewinnspiele angewiesen. Immerhin beteiligt Radio NRW sie an den Einnahmen. Bis zu 100.000 Euro pro Sender sind da drin. Viel Geld für einen kleinen Lokalsender.

Stichwort: Radio NRW

Radio NRW in Oberhausen ist kein eigener Radiosender, sondern ein Radio-Dienstleister für die Lokalradios in Nordrhein-Westfalen. Diese Sender übernehmen ein gemeinsames Mittags- und Nachtprogramm. „Mantelprogramm“, sagen die Radiomacher dazu (analog zum überregionalen Mantelteil in einer lokalen Zeitung).

In NRW lassen sich 45 Lokalstationen mehr oder weniger große Programmteile von Radio NRW liefern. Der Hörer nimmt das aber im Grunde nicht wahr. Per Computer werden nämlich in jedem Lokalprogramm die jeweils passenden Jingles und Slogans eingespielt. Will heißen: Auch wenn das Programm aus der Zentrale in Oberhausen kommt, hört der Hörer „Radio Neandertal“, „Antenne Düsseldorf“ oder „Radio Gütersloh“. Immer mit dem Versprechen „100 Prozent von hier“.

Radio NRW sorgt außerdem dafür, dass Geld in die Kassen der Lokalsender kommt. Radio NRW vermarktet nämlich landesweit Werbung für alle Lokalstationen. Die Spots werden von allen 45 Lokalsendern übernommen. Ein Großteil der Einnahmen wird an die Lokalstationen ausbezahlt. Ebenso werden die Einnahmen aus kostenpflichtigen Gewinnspiel-Nummern zum Teil an die Lokalsender ausbezahlt

„Dennoch“, sagt Martin Knabenreich. „Wir müssen unsere Hörer ernst nehmen. Und das geht nicht mit so einem Spiel“.  Denn kein Zweifel: „Viele Hörer merken, dass da was nicht stimmt. Jeder, der morgens von Bielefeld nach Gütersloh fährt und erst den einen und dann den anderen Lokalsender hört, durchschaut das Spiel.“

Außerdem bezweifeln viele NRW-Lokalradiomacher, dass das Spiel wirklich Hörer bindet. Das hatte Radio NRW versprochen: Das Spiel würde Hörer bei der Stange halten und die sogenannte Verweildauer erhöhen. Doch der „Tresorknacker“ wurde im Mantelprogamm mit solcher Penetranz verkauft  -„bisweilen zehn-, zwölfmal die Stunde“. Das binde nicht. Das nerve einfach. Das sei, so ein Kritiker, „programmschädigend“. Denn auch beim Hörer entstünde der Eindruck , es gehe Radio NRW mit dem Spiel ausschließlich ums Geld verdienen. Auf Dauer sei das kein tragendes Geschäftsmodell, finden die Resolutionsverfasser. Und andere betonen: Es passe so gar nicht zu dem, was die NRW-Lokalradios eigentlich wollen: lokal und seriös informieren nämlich.

Der Kampf um die eigene Glaubwürdigkeit ist also voll im Gange. Doch ob er von Erfolg gekrönt ist? Die lokalen Radiomacher haben selber Zweifel. Denn bislang habe Radio NRW noch immer alle Einwände vom Tisch gewischt. Ein Urteil, das auch einige lokale Veranstaltergemeinschaften bestätigen. Sie hatten sich 2008 bereits über das Vorgänger-Gewinnspiel „Geldregen“ beschwert  und hatten auch beim aktuellen „Tresorknacker“-Spiel eine weniger aufdringliche Präsentation gefordert. Doch Antwort bekamen sie keine. So wie übrigens auch wir von FAIR RADIO. Auf Anfrage bei Radio NRW hieß es, das seien programm-interne Vorgänge. Dazu äußere man sich nicht. Allerdings sei eine Besprechung mit den Kritikern anberaumt. Wie man hört am 7. April.

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  1. Übrigens: Das Gespräch hinter den Kulissen scheint ruhig verlaufen. Man hört, es habe das Versprechen gegeben, das Spiel beim nächsten Mal nicht mehr so aufdringlich zu präsentieren und sich an die interen Absprachen zu halten.
    Ob es dann aber auch transparenter für die Hörer wird, bleibt abzuwarten.

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  2. Ich bin enttäuscht, auf welche Punkte sich die Kritik letztendlich doch beschränkt. Während der Gewinnspielphasen heißt es für mich und auch in Tipps an Bekannte schlicht „Wegschalten!“ – die wenigen, vom Gewinnspiel überschatteten lokale Informationen hin oder her. Aber bei der Machart der Gewinnspiele hört der Spaß letztendlich auf.

    Die Intransparenz und die auf der Hand liegende Herumführen an der Nase sind höchst fragwürdig und gleichen 9Live-Niveau. Wer kann nachprüfen, ob tatsächlich der gewinnende Code des „Tresorknackers“ von Anfang der Gewinnspielrunde an vorgesehen war? Oder ob die Gewinnausschüttung des „Geldregens“ tatsächlich so zufällig ist, wie es vorgegaukelt wird? Spätestens wenn der Anrufende fragt, wieviel es denn noch geworden wäre, und von der Station Voice die Ansage „Fünfzigtausend Euro!“, Höchstgewinn, erhält, muss der versierte Hörer doch merken, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

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