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″Recherche geht vor Schnelligkeit″ – In der Praxis ist das doch gar nicht umsetzbar, wenn ein Beitrag in zwei Stunden auf Sendung muss?

Erstellt von Sandra Müller am 17. März 2010

Frage eines Volontärs beim Ethik-Gespräch mit Sandra Müller an der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf. Ihre Antwort:

In der Tat ist es schwierig, wenn erst in der Redaktionskonferenz um 10 Uhr ein Reporter für die Neueröffnung des Kindergartens um 11 Uhr rekrutiert wird und der schon um 13 Uhr das fertige Stück abliefern soll.  Doch auch dann dürfen ungeprüfte Behauptungen nicht wie Fakten über den Sender gehen.

Wenn die Betreiber des neuen Kindergartens sich also auf einer Pressekonferenz rühmen, ein ″einzigartiges Betreuungskonzept″ zu haben, dann hat diese Formulierung in einem Beitrag über diesen Termin nichts verloren, so lange nicht klar ist, ob diese Aussage stimmt.  Zumindest aber müsste sie in einem Beitrag klar als Werbeaussage kenntlich gemacht werden: ″Der Kindergarten arbeitet nach eigenen Angaben mit einem einzigartigen Betreuungskonzept, bei dem….″.  Das ist allerdings nicht mehr als eine Notlösung.

Die Entschuldigung, für mehr bliebe keine Zeit, greift übrigens nur zum Teil. Denn oft genug ist die Hektik hausgemacht. Gerade bei der Berichterstattung nach Pressekonferenzen zum Beispiel ließe sich viel vorab klären, würden die Redaktionen ihre Termine rechtzeitig vergeben. Reporter könnten sich dann schon vorher schlau machen. Schon klären, worum es geht. Überlegen, wo die Knackpunkte liegen und dann gezielt nachfragen. Dazu reicht oft eine ruhige Viertelstunde.

Außerdem gibt es immer die Möglichkeit, wenigstens hinterher am Thema dran zu bleiben: Man kann Experten suchen, die beurteilen können, ob das Betreuungskonzept im neuen Kindergarten wirklich so neu ist wie versprochen. Man kann Mütter und Väter ausfindig zu machen, die über ihre Erfahrungen und Eindrücke sprechen.

Das macht Mühe, lohnt sich aber – vor allem im Lokalen. Denn gerade hier fällt es auf, wenn die Eltern in der Nachbarschaft über die hohen Preise im neuen Kindergarten maulen, im Radio aber erst gestern noch die Lobhudelei auf die Einrichtung zu hören war.

Kurzum: ″Recherche vor Schnelligkeit″ heißt nicht zwingend ″langsamer″ zu berichten oder später auf Sendung zu gehen. Es heißt oft einfach nur vorausschauend planen oder sich nicht vorschnell zufrieden geben, mit dem was einem auf dem goldenen Tablett serviert wird – eine Einstellungssache also, die Reporter und Redaktion insgesamt betrifft.

Creative
″FAQ Ethik im Hörfunk – FAIR RADIO antwortet″ von Sandra Müller, FAIR RADIO steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
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Ne neue Sau durchs Dorf – Jetzt sogar mit Schweinegrippe

Erstellt von Sandra Müller am 16. Mai 2009

Na prima.

“Wir wollen keine Panik schüren”.
In wie vielen Redaktionen ist der Satz im Zusammenhang mit der Schweinegrippe wohl schon gefallen?

Und doch tun viele genau das. Oder wie sonst ist zu verstehen, dass alle schon von mehr als 100 Toten durch die Schweinegrippe reden, obwohl die entsprechenden Behörden in Mexiko nicht müde werden zu betonen, dass das immer noch VERDACHTSFÄLLE sind?

Erst bei 20 Toten ist das neue Virus nachgewiesen. Die anderen KÖNNTEN Schweinegrippefälle sein.Aber für den korrekten Satz: Es SOLL inzwischen über 100 Opfer geben, ist offenbar nur selten Platz.
Fast immer heißt es in den Nachrichten, es gäbe bereits hundert Tote.

Vielleicht ist da eben doch ganz einfach ein klitzekleinesbisschen Lust an der Hysterie dabei. Schade.
Auch wenn sich am Ende vielleicht herausstellen sollte, dass das doch alles Schweinegrippe-Fälle waren.

Bild-Quelle: www.oldskoolman.de

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