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Archiv für die 'Ethik FAQ' Kategorie

Ich muss als Moderator im Lokalprogramm landesweite Gewinnspiele mit gebührenpflichtigen Rufnummern ankündigen und empfinde das als fragwürdig. Wie soll ich mich verhalten?

Erstellt von Martin Knabenreich am 2. April 2011

Gewinnspiele, auch mit gebührenpflichtigen Telefonnummern, sind nicht grundsätzlich ein Problem, sondern in vielen Sendern auch ein belebendes Element. Es ist nicht grundsätzlich verwerflich, wenn ein Sender auf diese Weise Einnahmen erzielt.

Ein Problem entsteht erst, wenn über die Gewinnchancen getäuscht wird. Zum Beispiel bei den drei mitteldeutschen Privatsender Radio PSR (Sachsen), Radio SAW (Sachsen-Anhalt) und Landeswelle Thüringen oder auch bei den NRW-Lokalradios:

Dort wurden und werden Gewinnspiele landesweit gespielt, der Hörer bekommt aber den Eindruck, das Spiel würde nur in seinem kleinen Sendegebiet veranstaltet. Er muss von anderen Gewinnwahrscheinlichkeiten ausgehen. Es macht einen gravierenden Unterschied, ob man an einem Gewinnspiel mit 18 Millionen potenziellen Mitspielern (Einwohnerzahl NRW) teilnimmt oder am „Radio Reinstadt“-Gewinnspiel mit z.B. 250.000 potenziellen Mitspielern.

FAIR RADIO findet deshalb: Auf die wirkliche Gewinnwahrscheinlichkeit sollte explizit in der Anmoderation hingewiesen werden.

Beispiele für Anmoderationen:

„Machen Sie jetzt mit bei unserem landesweiten Gewinnspiel. Rufen Sie jetzt an!“

 

„Einen Hörer in Nordrhein-Westfalen machen wir gleich glücklich. Vielleicht Sie? Rufen Sie jetzt an!“

 

„Die 45 NRW-Lokalradios lassen in dieser Stunde wieder Geld regnen. Wir schalten jetzt in unsere Gewinnspielzentrale nach Oberhausen zu meinem Kollegen XY!“

Vermieden werden müssen verwirrende und falsche Zuordnungen. Beispiel aus dem NRW-Gewinnspiel „Tresorknacker“ im Januar 2011.

Folgende Aussage ist zum Beispiel  irreführend und falsch:

„Hier neben mir steht der Radio Reinstadt-Tresor, den Sie jetzt knacken können. Sie brauchen nur die richtige Kombination. Rufen Sie jetzt an!“

Eine derartige Anmoderation wäre nur vertretbar, wenn es sich um ein lokales Spiel handelt und tatsächlich ein „lokaler“ Tresor im Sender zu öffnen ist. Der Eigennamen „der Radio Reinstadt-Tresor“ wäre andernfalls unbedingt zu vermeiden!

Im Falle des NRW-Gewinnspiels müsste es also z.B. heißen:

„In unserem NRW-Gewinnspielstudio steht jetzt der Tresor, den Sie knacken können! Rufen Sie jetzt an!“

oder

„Von Münster bis Bonn, von Aachen bis Minden. 45 Lokalradios haben für unseren Gewinnspiel-Tresor zusammengelegt. Und Sie können ihn öffnen. Rufen Sie jetzt an!“

Die gesetzlich vorgeschriebenen Hinweise zu den Kosten und den Ausschlüssen (kein Auszahlung an Minderjährige) sind selbstverständlich.

 

 

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Ethik FAQ

Erstellt von Katharina Thoms am 23. Januar 2011

Fair Radio beantwortet Fragen zu ethisch-fragwürdigen Praktiken im Radio:

Fragen von Volontären, langjährigen Radiomachern, Hörern – IHRE Fragen sollen hier beantwortet werden. Wie umgehen mit einem Auftrag, mit dem man als Hörfunker Bauchschmerzen hat? Wie reagieren auf Betrug im Radio als Hörer? Hier finden Sie viele Fragen und Antworten – und wenn Ihre noch nicht dabei ist: Schicken Sie uns Ihre Ethik-Frage – Fair Radio beantwortet sie hier!

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Wie kann man PR-Beiträge korrekt anmoderieren?

Erstellt von Sandra Müller am 17. März 2010

Wer sich nicht weigern und seiner Redaktion nicht klar machen kann, dass PR-Beiträge und verkaufte Werbestücke nichts im redaktionellen Teil zu suchen haben, sollte wenigstens versuchen, sich als Moderator so korrekt wie möglich zu verhalten und die Spielräume auszunutzen, die einem bleiben.

Man kann zum Beispiel in der Anmoderation darauf hinweisen, dass das ein Beitrag ist, der von einem Unternehmen oder einer Lobby-Gruppe in Auftrag gegeben wurde.

Beispiel: Dieser Beitrag des Ärzteverbunds MEDI.

Statt der willfährigen Anmoderation im Beispiel, die den Moderator quasi zum Werbesprecher des Verbands macht, könnte man folgende klare Einleitung formulieren:

Die Kassenärzte machen mobil. Sie streiken dieser Tage. Und warum? Weil sie ihre Existenz gefährdet sehen. Schuld seien die Krankenkassen, sagen sie, und ein ihrer Ansicht nach verqueres Abrechnungssystem. Im Namen des MEDI-Ärzteverbundes fasst Wolfgang Siegloch die Argumente zusammen:

oder

…Der Ärzteverbund MEDI hat seine Argumente deshalb jetzt auch in einem eigenen Radio-Beitrag zusammengstellt:…

oder

… Deshalb weisen die Ärzte jetzt auch mit eigenen Radio-Beiträgen auf ihre Situation hin, zum Beispiel der Ärzteverbund MEDI. Der lässt wissen:….

Idealerweise würde man versuchen, eine ähnliche Formulierung auch noch mal in der Abmoderation unterzubringen.

Entscheidend ist, sich so weit wie möglich von dem PR-Beitrag zu distanzieren und klar zu machen, dass das kein journalistisch neutraler Beitrag der Redaktion ist. Als Moderator darf man dann ein reines Gewissen haben. Juristisch ist man mit so einer Formulierung aber nicht zwingend aus dem Schneider. Leider.


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Kann ich mich als Moderator weigern, einen PR-Beitrag im redaktionellen Teil zu spielen?

Erstellt von Sandra Müller am 17. März 2010

Frage beim Ethik-Gespräch mit Volontären an der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf. Die Antwort:

Sagen wir so: Man sollte. Eigentlich.  Doch gerade für freischaffende Moderatoren ist das nicht so einfach. Schließlich sind sie auf weitere Aufträge angewiesen. Sich einer redaktionellen Entscheidung zu widersetzen, ist deshalb nur was für Moderatoren mit gutem Standing und solche, die mutig sind.

Was genau in so einem Fall zu tun ist, hängt außerdem von der jeweiligen Redaktion und der Redaktionsleitung ab:

Ist sie offen für kritische Anmerkungen und ethische Fragen? Gibt es Gelegenheit zur offenen Diskussion?
Dann wäre es einen Versuch wert,…

  • das Thema einmal grundsätzlich anzusprechen. Zu fragen, inwiefern der Sender solche Beiträge einsetzen MUSS.
  • darauf hinzuweisen, dass der Einsatz solcher Beiträge journalistisch fragwürdig ist und der Glaubwürdigkeit schadet.
  • dass das Senden solcher Beiträge als Schleichwerbung gelten und damit strafbar sein könnte.
  • dass es im Widerspruch zum Rundfunkgesetz und der dort vorgeschriebenen Trennung von Werbung und redaktionellen Inhalten stehen könnte.

Ist die Redaktion solchen Diskussionen eher unaufgeschlossen?
Dann sollte man wenigstens versuchen, sich als Moderator so korrekt wie möglich zu verhalten und die Spielräume auszunutzen, die einem bleiben, zum Beispiel durch eine korrekte Anmoderation.

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″PR-Beiträge gehören in den Werbeblock″. Das klingt gut. Aber ist es nicht auch schon PR, wenn wir über die Eröffnung des neuen Kindergartens in unserer Stadt berichten?

Erstellt von Sandra Müller am 17. März 2010

Frage einer Volontärin beim Ethik-Gespräch mit Sandra Müller an der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf. Sandra Müllers Antwort:

Nicht grundsätzlich. Denn zunächst einmal gilt: Ein Lokalsender soll und muss über so ein Ereignis berichten. Allerdings sollte er das unabhängig und ausgewogen tun. So verlangt es das journalistische Berufsverständnis. Nur wer das außer Acht lässt, läuft Gefahr, aus einer Kindergarteneröffnung eine PR-Nummer zu machen.

Nehmen wir zum Beispiel an, auf der Pressekonferenz zur Neueröffnung des Kindergartens preisen die Anbieter ihren Kindergarten als den ″innovativsten der Stadt″. Es ist die Rede von den ″längsten Öffnungszeiten und einem neuartigen Betreuungskonzept″.

Nehmen wir weiter an, der Reporter übernimmt diese Formulierungen in seinen Beitrag – vielleicht sogar als O-TON. Im Beitragstext werden die Aussagen wiederum weder hinterfragt noch eingeordnet. Und in der Eile hat der Reporter auch nicht die Richtigkeit der Angaben überprüft. Ergebnis ist ein Beitrag, der nichts weiter vermittelt als die ungeprüften Werbeversprechen des Kindergartens, man könnte sagen: ein PR-Beitrag.

Dabei hätte klar sein müssen: Auch die Betreiber eines Kindergartens haben Interessen. Sie wollen ihre Einrichtung im besten Licht erscheinen lassen und möglichst viele Eltern als Kunden gewinnen. Dazu dürfen sie natürlich behaupten, ihre Einrichtung sei neuartig und innovativ. Der Reporter aber müsste fragen: Ist sie das wirklich? Und ist das überhaupt entscheidend?

Was zum Beispiel, wenn die Einrichtung zwar wirklich eine Stunde länger geöffnet und mehr Erzieher hat als alle anderen Einrichtungen in der Stadt, der Kindergartenplatz dafür aber auch doppelt so teuer und für eine Durchschnittsfamilie kaum bezahlbar ist? Wäre es dann angemessen, den Kindergarten ohne weitere Details als ″den innovativsten Kindergarten der Stadt″ vorzustellen? Wohl kaum.

Wer sicher gehen will, mehr als einen PR-Beitrag zu machen, muss also fragen und hinterfragen, muss Gesagtes sachlich einordnen und bewerten – auch und gerade bei Pressekonferenzen, auch bei einem ″08/15-Termin″ wie der Eröffnung eines neuen Kindergartens.

FAIR RADIO fordert deshalb ganz generell die Rückbesinnung auf die journalistischen Pflichten. Sie dürfen nicht vernachlässigt werden, nur weil es beim Radio oft schnell gehen muss.

Die genannte Forderung ″PR-Beiträge gehören in den Werbeblock″ bezieht sich allerdings ganz konkret auf Beiträge, die von Firmen oder Lobbygruppen lanciert und zum Teil gegen Bezahlung als journalistische Beiträge ausgestrahlt werden – eine Praxis, die FAIR RADIO für Schleichwerbung hält.

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″Recherche geht vor Schnelligkeit″ – In der Praxis ist das doch gar nicht umsetzbar, wenn ein Beitrag in zwei Stunden auf Sendung muss?

Erstellt von Sandra Müller am 17. März 2010

Frage eines Volontärs beim Ethik-Gespräch mit Sandra Müller an der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf. Ihre Antwort:

In der Tat ist es schwierig, wenn erst in der Redaktionskonferenz um 10 Uhr ein Reporter für die Neueröffnung des Kindergartens um 11 Uhr rekrutiert wird und der schon um 13 Uhr das fertige Stück abliefern soll.  Doch auch dann dürfen ungeprüfte Behauptungen nicht wie Fakten über den Sender gehen.

Wenn die Betreiber des neuen Kindergartens sich also auf einer Pressekonferenz rühmen, ein ″einzigartiges Betreuungskonzept″ zu haben, dann hat diese Formulierung in einem Beitrag über diesen Termin nichts verloren, so lange nicht klar ist, ob diese Aussage stimmt.  Zumindest aber müsste sie in einem Beitrag klar als Werbeaussage kenntlich gemacht werden: ″Der Kindergarten arbeitet nach eigenen Angaben mit einem einzigartigen Betreuungskonzept, bei dem….″.  Das ist allerdings nicht mehr als eine Notlösung.

Die Entschuldigung, für mehr bliebe keine Zeit, greift übrigens nur zum Teil. Denn oft genug ist die Hektik hausgemacht. Gerade bei der Berichterstattung nach Pressekonferenzen zum Beispiel ließe sich viel vorab klären, würden die Redaktionen ihre Termine rechtzeitig vergeben. Reporter könnten sich dann schon vorher schlau machen. Schon klären, worum es geht. Überlegen, wo die Knackpunkte liegen und dann gezielt nachfragen. Dazu reicht oft eine ruhige Viertelstunde.

Außerdem gibt es immer die Möglichkeit, wenigstens hinterher am Thema dran zu bleiben: Man kann Experten suchen, die beurteilen können, ob das Betreuungskonzept im neuen Kindergarten wirklich so neu ist wie versprochen. Man kann Mütter und Väter ausfindig zu machen, die über ihre Erfahrungen und Eindrücke sprechen.

Das macht Mühe, lohnt sich aber – vor allem im Lokalen. Denn gerade hier fällt es auf, wenn die Eltern in der Nachbarschaft über die hohen Preise im neuen Kindergarten maulen, im Radio aber erst gestern noch die Lobhudelei auf die Einrichtung zu hören war.

Kurzum: ″Recherche vor Schnelligkeit″ heißt nicht zwingend ″langsamer″ zu berichten oder später auf Sendung zu gehen. Es heißt oft einfach nur vorausschauend planen oder sich nicht vorschnell zufrieden geben, mit dem was einem auf dem goldenen Tablett serviert wird – eine Einstellungssache also, die Reporter und Redaktion insgesamt betrifft.

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″Nichts vorgaukeln″ – heißt das auch, ich darf Reporter, die denselben Beitrag für mehrere Sender gemacht haben, im eigenen Lokalsender nicht als ″unseren Radio XY-Reporter″ anmoderieren?

Erstellt von Sandra Müller am 17. März 2010

Natürlich darf man, aber wir von FAIR RADIO halten es nicht für sinnvoll. Denn Tatsache ist: Das sind keine Reporter des jeweiligen Senders und sie treten vor Ort auch nicht als solche auf. Vielmehr waren sie für einen Senderverbund oder vielleicht auch für eine zwischengeschaltete Agentur dort. Sie sind keine Exklusiv-Reporter.

Nicht selten merkt der Hörer das auch, wenn er von einem ins nächste Sendegebiet fährt und dann plötzlich aus dem ″Radio XY-Reporter″ von gerade eben ein ″Radio ABC-Reporter″ wird. Und das nur, weil wir dem Hörer vorgaukeln wollen, der Sender habe ein exklusives Reporternetz.

Dabei wären die Beiträge nicht schlechter oder weniger informativ, würden wir sie OHNE das falsche Etikett auf Sendung bringen. Gleichzeitig bliebe uns erspart, möglicherweise als unseriös und großsprecherisch empfunden zu werden. Ähnlich wie bei vorgetäuschten Live-Interviews ist das also ein Etikettenschwindel, der wenig bringt, uns aber angreifbar macht.

Besser – weil korrekt und unmissverständlich – wäre es also, den fraglichen Beitrag mit ″Ein Beitrag von Max Mustermann FÜR Radio XY″ anzumoderieren.

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Darf man freie O-Töne von Radioagenturen aus dem Internet im Radio senden?

Erstellt von Sandra Müller am 13. Dezember 2009

Frage von Johannes, Redakteur und Moderator, Berlin:

Ich moderiere eine tägliche Sendung, die ich auch redaktionell vorbereite und ich gestehe: Ja! Ich suche mir O-Töne auf etlichen Portalen zusammen und sende sie! Warum ? Weil die Themen oft in meine Sendung passen und ich der Meinung bin, meine Hörer finden das spannend! Bin ich jetzt Täter? Ich will doch nur ne schöne Sendung machen! Der Redakteur einer Zeitung berichtet doch auch über Pressemitteilungen!

Antwort von FAIR RADIO:

Freigegebene O-Töne zu verwenden ist so wenig strafbar wie die Inhalte von Pressemitteilungen zu nutzen. Deshalb: Nein. Du bist kein Täter im juristischen Sinn, so lange Du O-Töne verwendest, die zum Senden im Hörfunk freigegeben sind, und Du kein Geld dafür bekommst, bestimmte dieser O-Töne einzusetzen.

Dennoch sind beim Einsatz solcher Töne, die eventuell von Firmen oder Interessengruppen zur Verfügung gestellt wurden, die Regeln des guten Journalismus zu beachten. Denn wie Du richtig schreibst: Redakteure berichten im Idealfall ÜBER Pressemitteilungen, sie übernehmen sie nicht einfach ungeprüft. Das widerspräche dem Kodex des deutschen Presserates. Und das gilt auch für den Hörfunk.

Anders ausgedrückt:
Komplette Beiträge, die von Unternehmen bezahlt wurden, müssen tabu sein. Sie sind ja quasi vertonte Pressemitteilungen.
Und wer einzelne O-Töne benutzt, muss sorgfältig prüfen, ob er er sich dadurch nicht vorschnell mit einer einseitigen Position gemein macht.

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Warum soll man eigentlich keine Live-Fakes machen? Interessiert es die Hörer wirklich, ob live oder nicht live gesendet wird?

Erstellt von Sandra Müller am 13. Dezember 2009

Diese Frage wurde Sandra Müller beim Ethik-Gespräch im Volontärskurs der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf gestellt. Ihre Antwort:

Das ist so ähnlich wie mit der Zutatenliste auf der Tiefkühlpizza:
Die kuckt sich auch nur eine Minderheit an. Und doch hat jeder ein Recht darauf zu erfahren, was drin ist.

Und ob Radio oder Pizza: in beiden Fällen wird’s dann spannend, wenn auch die zunächst Uninteressierten mitbekommen, dass da was nicht stimmt. Denn gefälschter Käse auf der Pizza oder gefälschte Interviews im Radio – beides können sich viele zunächst gar nicht vorstellen. WENN sie es dann aber erfahren, sind sie nicht selten empört – zumindest aber desillusioniert.

Wer zum Beispiel bei Studioführungen die erstaunten Gesichter der Besucher sieht, die mitbekommen, wie die Moderatorin einem angeblichen Gast eine Frage stellt, die Antwort dann aber per Knopfdruck einspielt, der kennt die Reaktion: ″Ach. Da ist gar niemand da? Sooo geht das?″ Der nächste Schritt ist dann nicht mehr weit: ″Die beim Radio. Da ist eh alles inszeniert.″ Als Radiomacher verspielt man so schnell seine Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Hörer. Die aber sind die Grundlage unserer Arbeit.

Live-Fakes halten wir von FAIR RADIO außerdem für besonders problematisch, weil live zu senden DIE Stärke des Hörfunks ist. Kein anders Medium kommt seinen Nutzern so nahe wie der ″Echtzeit-Begleiter″ Radio. Eben deshalb wird diese Authentizität so gerne vorgetäuscht. Aber gerade dadurch zerstört man sie.

Der Etikettenschwindel lohnt sich also nicht, ist umgekehrt aber einfach zu vermeiden.

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Was tun, wenn mich meine Redaktion beauftragt, nach einem Gerichtsprozess O-Töne von Angehörigen eines Opfers zu holen, ich das aber nicht möchte?

Erstellt von Sandra Müller am 13. Dezember 2009

Frage einer Volontärin beim Ethik-Gespräch mit Sandra Müller an der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf. Ihre Antwort:

In diesem und ähnlichen Fällen gilt der alte Spruch: ″Journalisten sind auch Menschen″. Leider verdrängen sie das oft, und tun dann in ihrer Rolle als Journalisten, Reporter oder Moderatoren Dinge, die sie privat für verwerflich halten. Der Respekt vor dem Gegenüber, die Frage ″Würde ICH in dieser Situation jetzt ein Mikrofon unter die Nase bekommen wollen?″ sollte aber zum Grundrepertoire eines jeden Reporters gehören. Ebenso Höflichkeit und Feingefühl.
Außerdem sollten Reporter sich Grundkenntnisse aneignen über den richtigen Umgang mit möglicherweise traumatisierten Menschen. Tatsächlich kann man als Reporter da auch Schaden anrichten. Beim Gegenüber UND sich selbst. Das eigene Gewissen und Empfinden ist also durchaus erst einmal eine Richtschnur und insofern gilt eben: ″Mensch bleiben″.

Im konkreten Fall könnten aber auch weitere Erkundigungen helfen, sachlich zu begründen, ob ein Gespräch angemessen ist oder nicht. Das wiederum kann dann auch helfen, die Entscheidungen in der Redaktion zu begründen:

  • Sind die Angehörigen und möglichen Gesprächspartner in psychologischer Betreuung?
  • Raten die Betreuer von einem Gespräch ab? Oder halten sie es für unbedenklich?
  • Suchen die Angehörigen selber die Medien?
  • Welchen Eindruck hat der Anwalt (die Angehörigen sind ja oft Nebenkläger) von der psychischen Situation seiner Mandanten und möglichen Gesprächspartner?
  • Gibt es Zeugen- oder Prozessbetreuer, die die Situation einschätzen können?

Je nach Auskunft sind dann auch Kompromisse möglich: Man führt als Reporterin ein Gespräch mit den Angehörigen, zeichnet aber nicht auf, sondern lässt die Eindrücke und Aussagen in einen Beitrag einfließen.

Für Aufträge, die den eigenen ethischen Vorstellung komplett entgegen stehen, sollte man sich als Reporter indes nicht hergeben. Ein guter Gradmesser ist da oft die Frage: Würde ich wollen, dass meine Familie/meine Freunde wissen, was ich da mache/gemacht habe?

Oder: Wie sehr und wie lange würde es mich belasten, wenn ich das mache?

Oder eben ganz grundsätzlich: Kann ich das mit meinem Gewissen vereinbaren?

Solche Gewissensentscheidungen sind in der Redaktion zwar oft schwer zu vermitteln, sollten aber auf jeden Fall besprochen werden.

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Was kann ich gegen unethische Arbeitsweisen und Anforderungen meiner Redaktion tun, ohne als freier Mitarbeiter gleich damit rechnen zu müssen, keine Aufträge mehr zu bekommen?

Erstellt von Sandra Müller am 13. Dezember 2009

Frage beim Ethik-Gespräch mit Sandra Müller an der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf. Ihre Antwort:

Das ist in der Tat eine schwierige Frage. Denn steckt man als Reporter, Moderatorin oder Nachrichtenmacher erstmal in einer Situation, mit der man sich nicht wohl fühlt, sind ethische Fragen oft nicht mehr ohne Emotionen zu debattieren. Grundsätzlich gilt deshalb: Ethische Fragen in der Redaktion am besten schon dann ansprechen, wenn sie nicht akut sind. Zum Beispiel:

  • Warum zeichnen wir so viel auf und geben das als live aus? Gäbe es nicht andere Möglichkeiten?
  • Ist es nicht eigenartig, dass unser Frühmoderator nur noch Fragen auf Lücke stellt, aber selber keine echten Gespräche mehr führt?
  • Warum muss ich diese von Firmen bezahlten Beiträge wie journalistische Stücke anmoderieren? Ist das nicht illegal?
  • Warum laufen unsere Gewinnspiele weiter, auch wenn längst ein Hörer die richtige Antwort auf den AB gesprochen hat?

Zugegeben: Das sind naive Fragen. Aber gerade Volontäre können solche Fragen stellen. Und nicht selten rütteln sie damit alte Kollegen wach, die bequem und unachtsam geworden sind. Steter Tropfen höhlt da bisweilen den Stein. Und wenn schon nicht in großer Runde, so lassen sich diese Fragen doch vielleicht mal unter Kollegen ansprechen. Denn der Kontakt, der Austausch und die Beratung mit Kollegen, die ähnlich ticken, ist das A und O (gerne auch bei FAIR RADIO).

Wer merkt, dass er mit grundsätzlichen Diskussionen in seiner Redaktion auf Granit beißt, sollte wenigstens für seine eigene Arbeit versuchen, so korrekt wie möglich zu bleiben. Oft geht da mehr, als man zunächst vermutet – zum Beispiel bei der Anmoderation aufgezeichneter Interviews.

Wer dennoch zu Dingen angehalten wird, die ihm unethisch erscheinen, muss selber wissen, wo er die Grenze zieht.
Wichtig ist dabei, nicht vorschnell aufzugeben nach dem Motto: ″Das MUSS ich machen, sonst wars das mit dem Job.″ Auch da ist oft mehr möglich als gedacht: Angenommen zum Beispiel, man soll als Reporter O-Töne auf einer Beerdigung von Amoklauf-Opfern holen, möchte das aber nicht und ahnt, dass ethischen Gründe in der Redaktion nicht zählen würden. Dann könnte doch eventuell eine Autopanne auf dem Weg dorthin den Reporter retten.

Zugegeben: eine Notlösung. Im Zweifelsfall aber geht – meiner Ansicht nach – eigene ethische Unversehrtheit vor falsch verstandenem Redaktionsgehorsam. Auch das ist eine Grenze, die jeder mit sich selbst ausmachen muss.

Spätestens wenn es um wirklich illegale Praktiken geht (Schleichwerbung, Bestechlichkeit, Betrug bei Gewinnspielen…) geht es aber natürlich nicht ohne die Hilfe von einschlägigen Organisationen: ver.di, djv, die Landesmedienanstalten. Als erste vertrauensvolle Station steht dann auch FAIR RADIO zur Verfügung.


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Wie soll ich immer live senden? Manche Themen sind doch für Live-Geschichten einfach nicht geeignet.

Erstellt von Sandra Müller am 13. Dezember 2009

In der Tat. Deswegen fordet FAIR RADIO auch NICHT: Alles muss live sein.  Sondern: Was für live ausgegeben wird, muss live sein. Alles andere wäre wirklichkeitsfremd. Ein Hörfunkprogramm ohne Aufzeichnungen und Vorproduktionen lässt sich nicht machen.

Dennoch haben wir den Eindruck, dass viele Radiomacher gerne vorschnell auf Aufzeichnungen ausweichen. Und warum? Weil die selbst gesetzten Produktionsbedingungen oft wichtiger sind als die Aufrichtigkeit gegenüber dem Hörer: Man will gerne live wirken, aber auch die Formatlängen einhalten, nicht länger werden als ″Einsdreißig″, den Wortanteil im Griff haben und man hält das Live-Gespräch für potenziell langweilig und riskant.

Doch ein Live-Interview ist nicht nur tendenziell ″gefährlich″ und länger als uns unser Format erlaubt. Es ist auch eine Chance, Dinge auf Sendung zu bringen, die da sonst nie hinkämen. Das setzt natürlich voraus, dass die Reporter und Moderatoren ihr Handwerk verstehen und entsprechend ausgebildet werden. Stattdessen verstecken wir Radiomacher uns gern hinter dem Satz: ″Das ist nicht machbar″.

Die Gefahr dabei ist bereits sichtbar: Die Macher der Morgenmagazine im Fernsehen laufen uns als ″Live-Journalisten″ den Rang ab. Und das obwohl das ″Live dabei sein″ mal DIE Stärke des Hörfunks war.

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Wir machen Regionalnachrichten, die in ein Mantelprogramm eingeblendet werden. Ist es da nicht besser, wenn die kurz vorher aufgezeichnet versprecherfrei rüberkommen und passgenau fertig sind, ohne den nächsten Musiktitel zu versauen?

Erstellt von Sandra Müller am 13. Dezember 2009

Frage eines Volontärs beim Ethik-Gespräch mit Sandra Müller an der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf.  Ihre Antwort:

Das ist ein legitimes und wichtiges Anliegen.  Es gibt aber auch Lösungen für weiche Übergänge von Regionalnachrichten ins Mantelprogamm, die OHNE Aufzeichnungen auskommen. Backtimer zum Beispiel mit einer ″Pufferzone″, in der eine Sprecherin ″in Ruhe″ fertig werden kann  Voraussetzung sind natürlich Mitarbeiter, die so geschult werden, dass sie solche Verfahren beherrschen.

Ob kurz vorher aufgezeichnete Regionalnachrichten wirklich besser klingen als eine konzentrierte Live-Präsentation, ist außerdem erst noch zu klären. Erfahrungsgemäß sind so knapp einzupassende Aufzeichnungen ebenso fehleranfällig wie eine echte Live-Nachrichtensendung – dann zum Beispiel wenn noch eine aktuelle Verkehrsmeldung mit eingebaut werden soll.

Entscheidend für gut präsentierte Regionalnachrichten ist deshalb nicht die Aufzeichnung, sondern Personal, das sein Handwerk beherrscht und konsequent für die Live-Präsentation (mit Backtimer) am Mikrofon geschult wurde.

Wenn irgendmöglich sollten Nachrichten live gesendet werden.

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Warum soll man eigentlich keine Nachrichten aufzeichnen?

Erstellt von Sandra Müller am 13. Dezember 2009

Nachrichten sind der Inbegriff der Aktualität und Hörfunk-Seriosität. Und so lange sie mit dem Duktus der Aktualität und dem Verweis auf genaue Uhrzeiten wie live präsentiert werden, müssen sie auch live sein.
Wenn der Hörer erst mal zweifelt, ob das, was da erzählt wird, wirklich aktuell ist, leidet die Glaubwürdigkeit des ganzen Senders.  Das belegen Rückmeldungen, die wir bei FAIR RADIO bekommen, und Einträge bei radioforen.de.

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Was, wenn wir ein Gespräch für die Frühsendung wollen, der Gesprächspartner aber am Morgen keine Zeit hat?

Erstellt von Sandra Müller am 13. Dezember 2009

Frage eines Volontärs beim Ethik-Gespräch mit Sandra Müller an der Evangelischen Medienakademie Düsseldorf. Ihre Antwort:

Dann sollte – wenn irgendmöglich – der Frühmoderator selbst das Gespräch aufzeichnen.
Idealerweise sollte es dazu in jeder Redaktion eine Zeit am Nachmittag oder Abend geben, in der der Frühmoderator noch mal für Voraufzeichnungen zur Verfügung steht. Dann kann er morgens sein eigenes Interview anmoderieren.

Klappt das nicht, muss ein Dritter das Gespräch führen. Als korrekte Präsentation am Morgen käme in Frage:

  • die Anmoderation eines aufgezeichneten Gesprächs: ″Kollege y hat mit z gesprochen…″ – Leider hölzern und nicht sehr Anchorman-orientiert.
  • die O-TON-Moderation mit Auschnitten aus dem aufgezeichneten Interview. Das heißt: der Frühmoderator präsentiert die wichtigsten Aussagen aus dem Gespräch. – Eine zeitsparende und pointierte Möglichkeit.
  • ein gebautes Stück, in dem der Redakteur, der das Gespräch geführt hat, die Aussagen mit O-Tönen zusammenfasst. – Diese Form bietet zusätzlich die Möglichkeit einer hintergründigen, mit Fakten angereicherten Einordnung und kann vorproduziert werden.
  • das morgendliche Kollegengespräch mit dem Redakteur, der die Infos eingeholt hat. – Eine Lösung, die sich vor allem bei anspruchsvollen Themen anbietet, weil sich nicht nur Infos aus EINEM Gespräch, sondern möglicherweise noch weitere Infos in lockerer Form und hintergründig präsentieren lassen. Der Hörer erlebt einen kompetenten Redakteur im Live-Gespräch.

Generell gilt aber auch: Beim Rekrutieren von Interviewpartnern ruhig selbstbewusst auftreten. Viele Hörfunk-Redaktionen verkaufen sich da unter Wert. Warum denn nach dem Vorgespräch nicht mal anklingen lassen: Wir machen Interviews morgens – zur Prime-Time mit den meisten Hörern (!) – immer und ausschließlich live. Gerade im Lokalfunk, wo Gesprächspartner aus dem nächsten Umfeld kommen, hat die Oberbürgermeisterin nach solchen Ansagen dann vielleicht doch mal für fünf Minuten kurz vor sieben Uhr Zeit. Und wenn sie erst um kurz vor neun Uhr kann, wäre das ja auch ein gelungener Kompromiss.

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