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Live ist schon lange nicht mehr live
Thomas Korte, selbst Hörfunkreporter (Eintrag vom 19.08.2008)
19.8.2008
Der hier geschilderte Fall vom BR ist alles andere als ein Einzelfall. Und oft genug werden die Reporter angewiesen, bei den Fakes mitzuspielen.
Es beginnt mit redaktionellen Regieanweisungen wie diesen: ″Stell Dich doch bitte bei Dir in den Garten und fang am besten an mit 'Direkt hinter mir sind noch die letzten Rettungskräfte im Einsatz ...' oder 'Das ist schon ein imposantes Bild, dass das Bauwerk jetzt vor der gerade aufgehenden Sonne abgibt ...″ - Anweisungen wohlgemerkt für eine Aufzeichnung am Vorabend oder Stunden vor der Sendung!
Um die hohen Kosten für Übertragungswagen oder die teure Standleitung zu vermeiden, produziert man die Reportage lieber hausintern. Welcher Hörer kann auch schon in diesem Moment für sich nachvollziehen, ob der Reporter tatsächlich am Ort des Geschehens ist oder war.
Hauptsache ist doch, es klingt prima echt, live und spektakulär und beweist auf's Neue, wie aktuell ein Sender berichtet und überall im Lande seine Mitarbeiter hat.
Das gleiche Spiel wird auch gern mit Gesprächspartnern gespielt. Natürlich steht nicht jeder Politiker oder Unternehmenschef gern morgens um 6 Uhr auf, um live auf dem Sender zu sein. Doch dem Hörer wird das Gespräch als live verkauft. Selbstverständlich wird tunlichst vermieden, zu behaupten es sei tatsächlich live. Doch das ″Einen guten Morgen″, ″Sie hatten hoffentlich eine angenehme Nacht″ oder ″Noch einen weiterhin angenehmen Tag″ gehören zum Interview dazu. Der Hinweis ″Dieses Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet″, kommt in der Regel nicht - anders bei renommierten TV-Sendungen wie ″Heute-Journal″ oder ″Tagesthemen″.
Auch der Zusammenschnitt von Interviews, wie ihn hier Marcus Wegner beschrieben hat, ist längst an der Tagesordnung - selbst bei externen Gesprächspartnern.
Das heißt: Ein Kollege führt das Gespräch. Die Antworten werden zurechtgeschnitten, und auf die Lücken hin stellt der Moderator dann live oder auch als Vorproduktion seine Fragen.
Den Gesprächspartnern wiederum wird dieses Verfahren nur selten vorher ″verraten″. Und so hörte eine Frau das mit ihr geführte Interview im Radio am folgenden Tag mit offenem Mund und mit mehr als erstaunten Augen. Der freundliche Mensch vom Radio und vermeintliche Moderator der Sendung war gar nicht zu hören, dafür der Starmoderator der Sendung. Sie selbst natürlich auch und ihre Informationen und Meinungen zum Thema, aber prima gekürzt und zum Teil durch veränderte Fragen und Abnahmen der Antworten heftig im Sinn verändert.
Ihre Reaktion: Sie gebe diesem Sender nie mehr ein Interview. Das war für die der Redaktion wohl nicht mehr ganz so wichtige Frau die Konsequenz aus der Geschichte mit dem Interview.
″Traue so schnell keinem Live mehr.″
Das muss für viele Hörer die weitere Konsequenz sein. Es sei denn, dem Radiopublikum ist das eh nicht mehr wichtig.
Das zumindest unterstellen viele Redakteure den Hörern in Fällen, wo solche Fakes bekannt geworden sind und es z.B. aus dem Kollegenkreis Kritik gab.
Wenn das aber so ist, stellt sich für mich die weit wichtigere Frage: ″Warum hat man dann überhaupt noch einen journalistischen Anspruch an das Programm?″ Die Glaubwürdigkeit eines Radioprogramms beginnt bereits bei der Frage nach dem Format. Und das heißt auch: Live muss live sein und nicht nur so heißen.
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