FAIR RADIO TUTZINGER ETHIK APPELL - für ein glaubwürdiges Radio

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Von SWR3 bis 1LIVE: Antworten aus der Konserve

Über Gespräche im Radio, die keine sind

20.04.2009


Es ist ohne Frage ein Dilemma, dass das Radio rund um die Uhr sendet, Gesprächspartner aber nicht rund um die Uhr verfügbar sind - erst recht, wenn es Promis sein sollen.

Toll also, dass die Stars trotzdem auf Knopfdruck ″live″ ins Studio kommen.
Bequem für die Macher.

Man könnte aber auch sagen: Etikettenschwindel. Denn dem Hörer wird einmal mehr etwas vorgegaukelt, was nicht den Tatsachen entspricht.

Zwei aktuelle Beispiele.

Beides sind Live-Fakes, also Gespräche, die so nie statt gefunden haben.
Sie sind aufgezeichnet und bearbeitet.
Die Antworten wurden einzeln zurecht geschnitten.
Der Moderator stellt auf Sendung die passenden Fragen dazu.


Trotzdem wird der Hörer in beiden Fällen im Glauben gelassen, die Gäste seien live im Studio. Bei der Aufnahme von 1Live wird der Gast sogar explizit als im Studio anwesend begrüßt.
Warum?
Vermutlich um eine Authentizität und Unmittelbarkeit vorzutäuschen, die so aber nicht gegeben ist.

Aus Sicht von FAIR RADIO gibt es zwei Gründe, diese Praxis zu hinterfragen:

Erstens,
weil Radiomacher sich der Wahrhaftigkeit gegenüber den Hörern verpflichtet fühlen sollten.
Schließlich würden wir als Journalisten doch auch jeden Saftladen anprangern, der Saft aus Konzentrat unter dem Etikett ″frisch gepresst″ verkauft.

Und zweitens,
weil diese Praxis langfristig zerstört, was den Hörfunk eigentlich ausmacht: Das Vertrauen der Hörer in einen aufrichtigen und glaubwürdigen Tages-Begleiter.

Spätestens dann, wenn der Hörer merkt, dass ihm das Konzentrat als frischer Direktsaft verkauft wurde, ist das Vertrauen dahin. Und da diese Praxis inzwischen weit verbreitet ist, ist der Live-Begriff schon jetzt mehr als angegriffen.

Auch hier sollten also die FAIR RADIO-Grundsätze gelten:
- Es wird nichts vorgegaukelt, was nicht tatsächlich so ist
- Was nicht wirklich live ist, wird auch nicht als live verkauft







Foto von thomaswanhoff: ″Fisch in Dosen″
Some rights reserved.
Quelle: http://www.piqs.de
SWR3 am 29.03.09 - "Im Gespräch" mit vorbereiteten Antworten



1LIVE am 16.04.09 - Der Gast der nur eine Aufnahme war






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KOMMENTAR

Wem kann man als Informationskonsument noch trauen?

Kommentar von Martin Brombacher, SWR3-Hörer aus Mannheim (8.12.2009)


Hallo FairRadio,
gestern habe ich Ihre Internetseite gefunden, nachdem ich mich mal wieder von meinem Stammradio SWR3 ziemlich getäuscht gefühlt habe.

Mal wieder deshalb, da man als Hörer via Studio-Kamera ja schon nachvollziehen kann, dass z.B. das abendliche, scheinbar live gesendete Pub-Quiz mit Christian Thees, eben doch nur aufgezeichnet ist. Oder bei Nachrichten bzw. Wettermeldungen.

Wir sind hier in Mannheim scheinbar an der Grenze zwischen zwei Sendegebieten und haben an unterschiedlichen Radios verschiedene Frequenzen von SWR3 eingestellt. Da fallen unterschiedliche Beiträge oder Einspieler schnell auf und entlarven z.B. den ″live im Studio″ angekündigten Meteorologen schnell als Bandkonserve, da der ja aus zwei verschiedenen Radios gleichzeitig mit zwei verschiedenen Wetterberichten zu hören ist.

Was mich am meisten dabei stört, ist nicht die Tatsache, dass der Wetterbericht vom Band kommt, sondern dass der vorher als ″live″ und ″jetzt grad hier neben den Moderatoren stehend″ angekündigt wird. Wenn das beim Wetter so gemacht wird, was ist denn dann sonst noch alles nicht echt?

(...) Die Glaubwürdigkeit leidet darunter am meisten.
Und dabei ist genau die Glaubwürdigkeit heutzutage das Problem. Wem kann man als Informations-Konsument überhaupt noch trauen?

Die öffentlich-rechtlichen Sender waren lange eine Trutzburg des ehrlichen, echten Journalismus. Solche Irreführungen, verbunden mit manchmal viel zu plakativen Meldungstiteln oder ziemlich frei und reißerisch interpretierten Nachrichteninhalten, lassen die Mauern aber
leider langsam löchrig werden.

Viele Grüße aus Mannheim
und herzlichen Dank für Ihr Engagement für das Radio

Martin Brombacher

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FAIR RADIO hat diesen Kommentar mit Bitte um eine Reaktion an SWR3 weitergeleitet. Daraufhin hat uns folgende Antwort des Programm-Managers und stellvertretenden Programmchefs Edgar Heinz erreicht:

Wir haben uns, glaub ich, schon mehrfach darüber ausgetauscht, dass unsere Moderatoren angewiesen sind,aufgezeichnete Gespräche nicht als live zu verkaufen.
Dabei bleibt es.

Zu der Kritik des Hörers an den Wetterberichten:
Unser Meteorologe ist selbstverständlich in der Redaktion und auch live im Studio. Es werden aber in der Tat nicht alle Wetterberichte live gesendet.
Zu bestimmten Zeiten (meistens zur vollen Stunde) sendet SWR3 regionalisierte Wetterberichte für die verschiedenen Regionen. Dabei werden mehrere Beiträge unseres Meteorologen gleichzeitig ausgestrahlt, dies kann in der Tat nicht live geschehen, wie der Hörer richtig
anmerkt.
Zu diesen Zeiten sagen unsere Moderatoren auch nicht, dass der Wetterbericht live kommt. Es kann aber sein, dass der Meteorologe schon Minuten später wieder live im Studio steht und dann wird das auch gesagt.

Es ist also durchaus üblich, dass bei den Wetterberichten zwischen Aufzeichnung und Live-Sendung hin- und hergewechselt wird (nur am Rande: Bandkonserven gibt es schon lange nicht mehr).

Mit freundlichen Grüßen
Edgar Heinz


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KOMMENTAR

Wir sind schon der Meinung, dass wir ehrliches und wahrhaftiges Radio machen

Kommentar von Edgar Heinz von SWR3, Programm-Management


Wir haben SWR 3 und 1LIVE um Stellungnahme zu den geschilderten Fällen gebeten.

Für SWR3 antwortete Edgar Heinz vom Programmmanagement:



″Wir sind schon der Meinung, dass wir ehrliches und wahrhaftiges Radio machen.

Bei dem [...] kritisierten Beitrag handelt es sich um ein aufgezeichnetes Interview des Kollegen Kristian Thees mit dem Künstler Milow.

Solche Interviews werden sehr oft aufgezeichnet, weil die Künstler nicht zu den vorgesehenen Sendezeiten zur Verfügung stehen.

Es gibt aus unserer Sicht keinen Grund, bei jedem aufgezeichneten Interview zu sagen, dass es nicht live ist. Das ist für den Hörer bedeutungslos.
Umgekehrt haben unsere Moderatorinnen und Moderatoren die Anweisung, nicht von ″live″ zu sprechen, wenn dies nicht der Fall ist.

Wenn, wie in diesem Fall, spielerische Elemente zum Einsatz kommen, dann fällt ein Satz wie ″ist hier im Studio″. Das ist aus unserer Sicht vollkommen in Ordnung.
Sonst müsste man auf solche Elemente komplett verzichten, was wir nicht wollen.″




Eine Stellungnahme von 1LIVE ist leider auch zwei Wochen nach der Anfrage nicht eingegangen.

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