FAIR RADIO TUTZINGER ETHIK APPELL - für ein glaubwürdiges Radio

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″Die Initiative schießt weit über das Ziel hinaus″

Ein offener Brief an FAIR RADIO von Gábor Paál, SWR Baden-Baden

07.10.2008


Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Fair Radio hat zunächst einmal recht, dass im Radio geschludert wird und einige an sich Selbstverständlichkeiten in Vergessenheit geraten. Meiner Ansicht nach schießt die Initiative aber weit über das Ziel hinaus.

Über die meisten im Tutzinger Appell formulierten Grundsätzen braucht man wohl nicht zu diskutieren, aber die Forderungen von Fair-Radio gehen ja offenbar weit darüber hinaus. Deshalb konzentriere ich mich im folgenden auf die Thesen und Forderungen, die ich so nicht teilen kann.

Im allgemeinen:

1. Es ist falsch, so zu tun, als gerieten im Radio die guten Sitten ganz besonders unter die Räder - im Fernsehen und in der Zeitung wird natürlich genauso ″getürkt″.

Bekanntlich geben Zeitungsinterviews tatsächlich höchst selten den Wortlaut eines geführten Gesprächs wieder. Und die TV-Korrespondentin, die vor pittoreskem Metropolen-Hintergrund die Welt erklärt, begibt sich auch nicht jedesmal extra für ihren Aufsager dorthin.

2. Dass man nicht O-Töne aus Beiträgen nimmt und daraus ein fingiertes Interview baut, versteht sich von selbst - das verstößt im übrigen auch
gegen das Urheberpersönlichkeitsrecht.

Aber hilft es wirklich weiter, wenn alle voraufgezeichneten Interviews als solche an- oder abmoderiert werden?

Die überwiegende Zahl der Talkshows im Fernsehen ist voraufgezeichnet - weist irgendjemand darauf hin? Und wäre das notwendig? Im Radio genauso. In den meisten Fällen ist es den HörerInnen doch völlig wurscht, ob ein Interview voraufgezeichnet ist oder nicht - solange das Gesagte immer noch
stimmt und sich - etwa durch aktuelle Weiterentwicklungen - der Kontext nicht verändert hat.

Ganz ehrlich: Mich stört - auch als Hörer - viel mehr,wenn voraufgezeichnete Interviews so unprofessionell geschnitten sind, dass man hört, dass sie aufgezeichnet waren: wenn Sätze abreißen, der Moderator an unpassender Stelle der Gesprächspartnerin ins Wort fällt; wenn durch Zusammenschneiden von Antworten unnatürliche Bandwurmsätze stehen oder sinnentstellende Übergänge entstehen.
Das ärgert mich viel mehr als dass das Gespräch vorher aufgezeichnet war. Und wenn ein Interview so bearbeitet ist, dass der Gesprächspartner klare Sätze formuliert, auf den Punkt kommt, nicht unnötig abschweift, ist mir das lieber als ein möglicherweise dahergestammeltes Live-Interview.

Kurz: Es kommt immer auf den Einzelfall an.

Etwa beim Fall des ARD-Sammel-Angebots mit den eingestellten Antworten auf noch zu stellende
Fragen. Siehe hierzu mein Kommentar auf der entsprechenden Seite. (Link anbei)

3. Berechtigt ist die Kritik an der unnötigen Etikettierung der ″WDR2-, HR3-, BR5-Reporter″ usw.

Ich selbst war schon in der Rolle des″SWR1-Rheinland-Pfalz-Wissenschaftsredakteurs″, was ich sehr seltsam fand.
Als Moderator vermeide das in der Regel (außer, der Kollege ist tatsächlich aus dem engeren z.B. SWR1-Team) und spreche z.B. ansonsten von ″unserer Reporterin″, die ″für SWR1″ berichtet (wenn Sie es denn getan hat).

Ich denke mir auch, dass gerade angesichts der Gebührendiskussion wir ja nicht den Eindruck erwecken sollten, als würde sich in der ARD jedes
Hörfunk-Programm den Luxus seiner eigenen Korrespondenten-Schar leisten.

Wie gesagt, das ist meine Position, ich sehe aber auch, dass es Gegenargumente gibt, auch wenn ich sie mir nicht zu eigen mache.

Grundsätzlich habe ich aber den Eindruck, Fair Radio verheddert sich in solchen Kleinigkeiten. Wenn man sich mit dem durch Stellenabbau verursachten Qualitätsverlust beschäftigt, gibt es m.E. wesentlich gravierendere Probleme. Wie eben bei Recherche und Themensetzung.

Es wäre aber falsch zu behaupten, dass es ″nur bergab″ geht. Alte Radiosendungen
haben auch ihre Qualitätsmängel: Zopfige Moderationen, fehlende Ansprache, eine komplizierte Sprache, um nur einige zu nennen.

Viele Grüße

Gábor Paál


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Antwort auf Herrn Mittermaier / Klarstellung

Kommentar von Gabor Paal, Netzwerk Wissenschaft und Medien, Baden-Baden (27.10.2008)


Lieber Herr Mittermaier,

nur um es klarzustellen: Natürlich dürfen aufgezeichnete Interviews nicht als \″live\″ verkauft werden. Aber das passiert auch so gut wie nie. Aber ich verstehe nicht, warum die Tatsache, dass ein Gespräch aufgezeichnet wurde, das Vertrauen in den Inhalt schmälern sollte? Vertrauen Sie dem Inhalt eines Zeitungsinterviews weniger, nur weil der Text nicht dem Original-Wortlaut entspricht?

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widersprüchlich...

Kommentar von K. Thoms, Journalistin, Stuttgart (11.10.08)


Sehr geehrter Herr Paál,

ich tue mich bei Ihrem offenen Brief ein bisschen schwer, die tiefgreifende Kritik gegen Fair Radio zu finden. Vielmehr stimmen Sie in den meisten Punkten der Initiative und Ihrem Anliegen doch eigentlich zu, oder?

zu 1. Ich habe ehrlich gesagt den Eindruck, dass gerade Verfehlungen im TV ohnehin ein viel größeres Thema sind; viel öfter diskutiert werden (Stichwort: z.B. Schleichwerbungsskandale)
Warum also nicht auch mal das als Begleitmedium Nummer 1 etikettierte Radio näher beleuchten?

zu 2. Sie möchten kein fingiertes Interview (und Sie möchten ja auch selbst im ARD-Sammel-Angebot lieber keine O-Töne einfach so zur Verfügung stellen). Wenn es Ihnen also nur darum geht, voraufgezeichnete Interviews senden zu können - warum dies dann nicht vorher ansagen? Oder schmälert das dann ja vielleicht doch den (Aktualitäts-)Wert des Gesagten? Radio ist doch DAS Livemedium, viel mehr als das Fernsehen. Warum sollte man das nicht nutzen, sich auf die Fahnen schreiben, damit hausieren gehen?

zu 3. Auch hier sind Sie, Fair-Radio und ich sich ja eigentlich einig. Keine unnötige Etikettierung erwünscht.
Und die angesprochenen Kleinigkeiten: Haben Qualitätsverlust durch Stellenabbau und mangelnde Recherche, mehr Sorgfalt bei der Themensetzung nicht auch ganz erheblich miteinander zu tun?

Ich glaube, wir sind uns einig.

Hoffentlich nicht in Kleinigkeiten verheddert hat sich

Katharina Thoms.


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... finde ich nicht

Kommentar von Bernhard Mittermaier, Hörer, Mönchengladbach (8.10.08.)


Sehr geehrter Herr Paál,

Ihr Hinweis auf die gängige Praxis in anderen Medien ist korrekt, aber es gibt bekanntlich keinen Anspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht (bzw. bei zweifelhaften Praktiken).

Wenn Radio-Insider Praktiken im Hörfunk offen legen, dann bin ich als Medien-Konsument dafür dankbar (und zwar auch in der Deutlichkeit, in er es geschieht). Selbst wenn ähnliche Initiativen im Bezug auf andere Medien ein Desiderat sind, sollte FairRadio m.E. im Bezug auf den Hörfunk auch in dieser Deutlichkeit weiter machen.

Sie schreiben: ″In den meisten Fällen ist es den HörerInnen doch völlig wurscht, ob ein Interview voraufgezeichnet ist oder nicht..″
Das mag so sein. Es geht mir als Hörer auch nicht um die Tatsache der Aufzeichnung als solche, sondern um das Vertrauen in das Produkt. Manchmal merkt man es (wenn der London-Korrespondent in die Tagesthemen geschaltet wird und es dort noch taghell ist oder wenn Günter Jauch auf drei Kanälen gleichzeitig zu sehen ist), aber oft -und insbesondere im Radio- auch nicht. Wenn ich aber ″im Kleinen″ schon kein Verrauen mehr haben kann wie soll ich es dann im Großen haben?

Mit freundlichem Gruß
Bernhard Mittermaier

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