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Wenn jemand anderes ganz andere Fragen stellt

Gastbeitrag eines Interviewten

 

Dr. Gero Bauer ist Literatur- und Kulturwissenschaftler und Geschäftsführer des Zentrums für Gender- und Diversitätsforschung an der Universität Tübingen. Er gab dem Karlsruher Lokalsender „Die neue Welle“ ein Interview. Ausgangspunkt war die Kinderfrage „Warum stehen Mädchen so auf rosa und pink?“. fair-radio schildert er seine Erfahrungen:

„Ich gebe zu: Ein bisschen gefreut habe ich mich schon. Endlich mal einer etwas anderen Öffentlichkeit als der wissenschaftlichen – wenn auch im Vormittagsprogramm eines kleinen Lokalsenders – ein bisschen Genderforschung nahe bringen… Ich war etwas unbeholfen – dies war mein erstes Radiointerview.

Nachdem ich zugestimmt hatte, fragte die Mitarbeiterin, ob sie gleich mitschneiden dürfe. „Das wird nachher dann schon nochmal geschnitten.“ (Aha.) Das Interview war sehr nett. Die Frage kam von einem Kind. Ich bemühte mich daher um Formulierungen, die gut verständlich sein würden und versuchte einen kurzen historischen Abriss des ‚Genderings‘ von Farben und des ‚Gender-Marketings‘. Am Ende des Interviews waren wir beide sehr zufrieden. Zum Abschluss fragte ich noch, ob es vielleicht möglich sei, den Beitrag vorab einmal in seiner endgültigen Form zu hören. Das ginge leider nicht, sagte die Mitarbeiterin, aber sie könne mir den ungefähren Sendetermin nennen und mir im Nachhinein einen Mitschnitt zusenden.

Als ich diesen Mitschnitt dann schließlich einige Tage später bekam, war ich, milde gesagt, überrascht. Alles war so aufbereitet, dass es klang, als sei ich live zugeschaltet und würde in Echtzeit die Fragen der beiden Moderatoren beantworten. An keiner Stelle wurde darauf hingewiesen, dass meine Antworten im Vorhinein aufgezeichnet wurden. Aber nicht nur das. Die Fragen der Moderatoren entsprachen leider nicht den Fragen, die mir die Praktikantin gestellt hatte, wodurch meine ‚Antworten‘ ein bisschen den Eindruck erweckten, ich würde ausweichen beziehungsweise einfach nicht richtig zuhören.

Im Endeffekt war es zwar keine inhaltliche Katastrophe. Zu den Dingen, die ich gesagt habe, stehe ich natürlich. Allerdings bin ich keinesfalls ‚d’accord‘ mit der Vorgehensweise des Senders: Wenn das Interview schon im Vorhinein aufgezeichnet wird, muss erstens gewährleistet sein, dass dies auch transparent gemacht wird, und zweitens darf es nicht sein, dass im Zuge des Schnittes die Passung von Fragen und Antworten so verzerrt wird, dass der Eindruck entsteht, es läge an der mangelnden Dialogkompetenz der interviewten Person. Passenderweise quittierte einer der Moderatoren das Gespräch dann auch mit den Worten: „So richtig schlau sind wir jetzt nicht geworden, wie ich finde.“

Ich hoffe, dass diejenigen Zuhörer*innen, die an jenem Montagmorgen der Morgenshow der „neuen Welle Karlsruhe“ lauschten, trotz allem ein bisschen etwas von meinen Antworten mitgenommen haben. Ich hoffe aber auch, dass diese Praxis der Vermittlung zwischen Wissenschaft und medialer Öffentlichkeit, die im Grundsatz so gut und wichtig ist, nicht immer so verläuft, wie in diesem Fall.“

Edit 12.04.2017, 17 Uhr 10:

Wir haben „Die neue Welle“ mit den Schilderungen von Gero Bauer konfrontiert und eine Mail mit Fragen geschickt. Folgende Antworten haben wir bekommen:

1. Warum zeichnen Sie Interviews vorher auf?
Wie fair radio sicherlich bekannt ist- ist es sowohl in TV als auch Radio- vollkommen üblich, dass Interviews vorab aufgezeichnet und natürlich auch nicht immer in voller Länge gesendet werden.
Aufzeichnungen von Interviews sind aus verschiedenen Gründen erforderlich, insbesondere dann, wenn der Interviewpartner zu der gewünschten Sendezeit selbst nicht für ein Live-Interview zur Verfügung steht.
Daneben ist es aufgrund begrenzter Sendezeit oftmals nicht möglich, ein ganzes Interview „live“ zu senden. Um den Hörer über die wichtigsten Passagen des Interviews informieren zu können, ist eine Aufzeichnung in diesen Fällen unumgänglich.

[Anmerkung von Gero Bauer: „Ich wurde nicht gefragt, ob ich Zeit für ein Live-Interview habe.“]

2. Warum werden diese Interviews on air als Live-Gespräche verkauft?
Die „neue welle“ verkauft Interviews on air nicht als Live-Gespräche. Auch in dem von Ihnen in Bezug genommenen Gespräch mit Herrn Dr. Bauer haben wir nicht behauptet, dass es sich um ein „Live“- Interview handelt. Dies ist durch das gesendete Interview mit Herrn Bauer belegt.

3. Ist Ihnen bewusst, wie so etwas auf die Gesprächspartner wirkt?
Wie bereits unter Ziffer 2 ausgeführt, wurde und wird seitens der „neuen Welle“ nicht der Anschein eines Live-Interviews erweckt, auch nicht anlässlich des Gesprächs mit Herrn Bauer. Der „Neuen Welle“ sind auch keine entsprechenden Beschwerden von anderen Interviewpartnern bekannt.

4. Wie oft passiert so etwas bei Ihnen im Programm?
Wir nehmen Bezug auf unsere vorstehenden Antworten zu den Ziffern 2. und 3.

5. Warum informieren Sie Ihre Gesprächspartner nicht darüber, dass die Interviews nicht 1:1 gesendet werden?
Selbstverständlich informieren wir unsere Gesprächspartner darüber, dass das Interview nicht 1:1 gesendet und nachbearbeitet wird. Dies war auch bei Herrn Dr. Bauer der Fall, der im Übrigen in seinem Artikel einräumt, dass eine Mitarbeiterin der „neuen welle“ ihm gegenüber mitgeteilt hat, dass das Interview „nachher noch einmal geschnitten wird“.

6. Warum stellen Sie später on air andere Fragen als bei der Aufzeichnung?
Die „neue welle“ stellt keine anderen Fragen im on air gesendeten Interview als bei der Aufzeichnung. Das Interview mit Herrn Dr. Bauer bestand aus mehreren Fragen und konnte in der verfügbaren Sendezeit nicht in der Gänze wiedergegeben werden.

7. Ist es bei der neuen Welle die Regel, dass Interviews in dieser Form „nachgestellt“ werden?
Wie wir bereits ausgeführt haben, verkauft „die neue welle“ Interviews on air nicht als Live-Gespräche. Insoweit ist uns nicht klar, warum Sie den Ausdruck „nachstellen“ gebrauchen.

8. Können Sie beziffern, wie oft Interviews bei Ihnen live gesendet werden und wie oft sie aufgezeichnet sind?
Eine genaue Bezifferung ist uns leider nicht möglich.

9. Was spricht aus Ihrer Sicht dagegen, das aufgezeichnete Interview nicht als Interview sondern als moderierte O-Töne auszustrahlen?
Dass Interviews vorab aufgezeichnet und natürlich auch nicht immer in voller Länge gesendet werden können, ist in Funk und Fernsehen üblich. Wir gehen davon aus, dass Sie diese Auffassung teilen werden.

Der Initiative fair radio liegen Mitschnitte von der Aufzeichnung und dem gesendeten Interview vor. Die neue Welle hat einer Veröffentlichung der Audios widersprochen.

 

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Guten Tag,
    als langjähriger Mitarbeiter bei privaten Hörfunksendern möchte ich mich gerne zu dem Artikel von Herrn Dr. Bauer äußern.

    Zunächst könnte hier der Eindruck entstehen, diese Vorgehensweise sei ausschließlich bei Privatsendern so. Das ist falsch. Jeder öffentlich-rechtliche Sender macht es ähnlich und schneidet Interviews für die Info-Programme wie NDR Info, WDR 5 oder RBB Inforadio für Servicewellen um.

    Das heißt, die Interviews werden gekürzt, dann werden Fragen formuliert, die dann der Moderator bekommt. Der tut dann so, als ob er das Interview zu diesem Zeitpunkt, also live, führt. Da die Antworten gekürzt werden, müssen die Fragen den Antworten manchmal „angepasst“ werden. Dabei sollte das Interview freilich nicht verfälscht werden.

    Zur Vorgehensweise der Kollegen in Karlsruhe: Zunächst ist es okay und üblich.

    Der erste echte Fehler ist der Unerfahrenheit des Interviewpartners zu schulden. Ich rate Interviewpartnern immer, wenn sie sich für unerfahren halten oder sich nicht sicher sind, sich etwas Zeit zu nehmen und sich auf das Interview vorzubereiten. Gerade für einen Dozenten oder Professor einer Hochschule ist es üblich, dies bei einer Vorlesung zu tun. Bei einem Radiointerview ist die Zahl der Hörer deutlich höher.

    Der zweite Fehler liegt bei der Mitarbeiterin in Karlsruhe. Gerade einem Anfänger gegenüber ist es wichtig, zu erklären, wie so ein Interview verwertet wird, also dass es dem Moderator der Morning-Show zur Verfügung gestellt wird, der das dann so sendet, als wäre es live, damit der Interviewpartner nicht schon um halb sechs aufstehen muss.

    Der dritte Fehler scheint darin zu liegen, dass sich die Moderatoren offenbar nicht richtig vorbereitet haben. Die Fragen formuliert in der Regel nämlich der Kollege, der das Interview geführt hat. Der Moderator sollte sich darauf verlassen können, kann es aber dann nicht, wenn der Kollege noch nicht richtig ausgebildet ist. In mancher Redaktion gibt es noch einen Chef vom Dienst oder einen Schlussredakteur, der ein Interview vor dem Senden abnimmt, das ist aber bei der immer dünner werdenden Personaldecke immer seltener der Fall. Folglich obliegt das „prüfen der Ware“ am Ende auch dem Moderator, der sie verkaufen muss.

    Klar gesagt: Wenn am Ende eines Interviews der Moderator zugibt, nicht viel schlauer geworden zu sein, dann dürfte es dem Hörer auch so gehen. Dann war die Sendezeit verschenkt, und gerade in der Morning-Show ist verschenkte Sendezeit die Zeit, auf einen anderen Sender umzuschalten.

    Schließlich existiert bei vielen Interviewpartnern der Irrglaube, ein Interview und ein Beitrag seien das Selbe. Ist es aber nicht.

    Ein Interview besteht aus Fragen und Antworten, ein Beitrag aus einem Text, in den Ausschnitte des vorher geführten Interviews eingebaut werden. So was wird bei Privatsendern und Servicewellen immer unbeliebter, weil das von dem Sendungsmoderator ablenkt. Weil also ein Interview zumindest „halb live“ geführt wird, ist ein Vorabmittschnitt logischerweise unmöglich.

    Möglich ist aber, durch ein paar kleine Tricks auf das Sendematerial #Einfluss zu nehmen, wenn man sich vorbereitet:

    1. Geben Sie kurze Antworten.
    2. Benutzen Sie wenige Fremdwörter.
    3. Sagen sie nur das, was den Hörer wirklich interessiert. Im vorliegenden Fall verwirren Begriffe wie Gendermarketing.
    4. Für diese Info werden mich jetzt alle Kollegen hassen: Bei fast allen Sendern gibt es die Anweisung, dass Interviews natürlich klingen müssen. Natürlich ist es, am Ende einer Antwort mit der Stimme runterzugehen, die Stimme wird tiefer. Für den Interviewpartner bedeutet das: Ist Ihnen eine Aussage sehr wichtig, muss Ihre Stimme am Ende des Satzes tiefer werden, sonst wird das möglicherweise nicht gesendet. Natürlich können sie damit auch den Interviewer von Fall zu Fall austricksen.
    5. Selbstverständlich sind die Kollegen in den Sendern in der Lage, Ihnen eine Datei mit Ihren zurechtgeschnittenen Antworten und eine weitere Datei mit den Fragen zuzumailen. Mit einem herkömmlichen Windowsrechner sollten Sie sich beides anhören und anschauen können. Die Sender machen das ungern, weil zeitaufwändig. Kleiner Trick: Äußern Sie den entsprechenden Wunsch erst nach dem Interview. Die beiden Dateien zu machen und Ihnen zuzuschicken geht im Endeffekt schneller, als einen neuen Interviewpartner zu recherchieren und im Zweifelsfall ein zweites Interview zu führen.

    Und hier eine Schlussbemerkung: Man kann zwar diese Art der Interviewführung kritisieren, sie ist aber allgemein üblich geworden und wegen der bereits erwähnten sinkenden Personaldecke oft der einzig mögliche Kompromiss. Außerdem ist sie der wachsenden Zahl von Medien geschuldet, die gerade prominente Interviewpartner beanspruchen. Die Alternative wäre, Interviews ganz wegzulassen. Viele Privatsender sind dazu längst übergegangen.

    Antworten

    • Hallo Herr Schlichting,

      Danke für Ihre ausführlichen Anmerkungen. Ich würde gern im Namen von Fair Radio kurz darauf eingehen:
      Es stimmt, dass auch ör-Sender aufgezeichnete Interviews senden und sie auch immer wieder als live verkaufen, obwohl sie es nicht sind. Darüber berichten wir auch, zuletzt heute über einen Fall bei Bayern3: https://www.facebook.com/fairradio/posts/10155256892257509?comment_id=10155257477357509&notif_t=share_comment&notif_id=1491990397646814

      Sie fordern in Ihrem Kommentar den Interviewpartner auf, er solle sich besser über die Gepflogenheiten beim Radio informieren und sich entsprechend vorbereiten. Das ist aus unserer Sicht nicht der richtige Ansatz. Überspitzt gesagt: Dem Interviewpartner Tricks für bessere Live-Fakes an die Hand zu geben, hilft der Glaubwürdigkeit des Radio genau: Nicht. Es gibt einfache Möglichkeiten, Live-Fakes zu umgehen, wenn es kein Live-Interview sein kann.

      Zum Beispiel moderierte Otöne, mehr dazu auch in unseren Ethik-FAQs:
      http://www.fair-radio.net/2009/12/13/wie-lassen-sich-aufgezeichnete-interviews-korrekt-anmoderieren-nur-mit-%E2%80%B3dieses-gesprach-haben-wir-vor-der-sendung-aufgezeichnet%E2%80%B3/

      InterviewpartnerInnen sollten aber nicht lernen, wie sie antworten müssen, damit Radioredaktionen ihre Statements besser schneiden und kürzen können.

      Aber d’accord: RadiomitarbeiterInnen sollten ihren InterviewpartnerInnenn auf jeden Fall erklären, wie das Interview später verwendet wird. Aber ein Live-Fake bleibt es – und das hinterlässt einen schlechten, unglaubwürdigen Eindruck. Der wird auch nicht besser, wenn ich ihn erkläre.

      Noch besser also: Live-Fakes verhindern. Die häufig bemühten Begründungen: „Sie müssen nicht so früh aufstehen“ oder „Der Interviewpartner hat sonst keine Zeit“ sind oft übrigens einfach nur Ausreden – ohne Not. Interviewpartner werden gar nicht mehr gefragt, ob sie Zeit haben. Weil es ja bequemer ist, sie am Tag vorher aufzuzeichnen. Und wie gesagt: Das kann man machen. Man kann es dann aber auch anders on air verkaufen. Das ist mit gleich bleibendem Personal und ohne Kostenaufwand möglich. s.o.
      Katharina Thoms für Fair Radio

      Antworten

  2. Leider weisen nur noch der Deutschlandfunk und die TV-Sender Phönix, ARD und ZDF darauf hin, wenn ein Interview vorab aufgezeichnet wurde – auf anderen Info- und sonstigen Kanälen habe ich das leider nicht mehr beobachtet. So gesehen müsste es mittlerweile auch einem Interview-Anfänger klar sein, dass ein Interview nie so rauskommt, wie es vorab aufgezeichnet wurde.
    Ich selbst habe es aber auch schon 2003 in einem Praktikum selbst erlabt, dass Fragen anders in der moderation gestellt wurden als ich sie als Praktikant gestellt hatte, so dass die Antworten natürlich auch so wirkten, als wäre mein Interviewpartner unaufmerksam gewesen.

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