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Die Sprachartisten vom Bayerischen Rundfunk

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Die Frühnachrichten bei Bayern 1. In verschiedenen Nachrichtensendungen berichtet derselbe Reporter – mit derselben aufgezeichneten „Antwort“. Für den Hörer soll alles klingen wie ein Live-Gespräch. Live ist hier allerdings nur die Anmoderation. Besonders traurig: Die dreiste Lüge des Bayerischen Rundfunks.

Der 20. Juli 2016 ist ein heißer Tag in München. Als am Abend zwei U-Bahn-Züge der MVG im Tunnel und auf freier Strecke stehenbleiben, wird es darin unerträglich heiß. Ein Thema für die Frühnachrichten von Bayern 1 am darauffolgenden Morgen. Um 5 Uhr und um 7 Uhr „spricht“ Nachrichtensprecher Christoph Wöß mit BR-Reporter Fabian Stührenberg. „Fabian, in dem Zug auf freier Strecke ist es dann ganz schön heiß geworden…“ ist die direkte Ansprache, die er in beiden Sendungen live spricht. Die Reporter-Antwort ist allerdings alles andere als live. Wir haben die Sendungen übereinander gelegt.

Während sich An- und Abmoderation unterscheiden, ist die „Antwort“ selbst nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch identisch. Die gleiche Situation am Vortag: Silvia Wilhelm berichtet angeblich live, immerhin moderiert Nachrichtensprecher Christoph Wöß sie mit „Silvia Wilhelm ist bei mir“ an. Wieder haben wir die Bayern-1-Nachrichten übereinander gelegt – diesmal die 6-Uhr- und 8-Uhr-Ausgaben.

Und wieder ist es eine technisch identische Antwort, die in beiden Sendungen eingespielt und als live verkauft wird.

Wir haben den Bayerischen Rundfunk zunächst gefragt, welche internen Regeln für aufgezeichnete Gespräche in seinen Nachrichten gelten. Die Antwort klang toll – fast wie aus unserem Tutzinger Appell:

„Zur Glaubwürdigkeit unserer Nachrichten gehört, dass wir dem Hörer nichts vorgaukeln.

(…)

Wenn der Fachredakteur live im Studio ist, verwendet der Presenter Formulierungen wie „Bei mir ist unser Außenpolitik-Experte xy. Herr xy, was will Erdogan denn mit seinem Vorgehen gegen die Beamten erreichen?“. Ist der Fachredakteur nicht live in der Nachrichtensendung, so weisen wir ausdrücklich darauf hin: „Unser Außenpolitik-Experte xy hat das im Bayern-1-Gespräch heute früh so erklärt.“

Hier dokumentieren wir die komplette E-Mail-Konversation mit der BR-Pressestelle.

Eine lobenswerte Einstellung. Leider ist sie offenbar nur schnöde Theorie. Mit den Mitschnitten der Fake-Gespräche konfrontiert, liefert der Bayerische Rundfunk eine abenteuerliche Erklärung:

„Silvia Wilhelm und Fabian Stührenberg waren in den jeweiligen Nachrichtensendungen live mit dem Presenter im Bayern-1-Studio. Dass ihre Auftritte zwei Stunden später ähnlich klingen, liegt daran, dass sie sich bei ihren Antworten auf ein Manuskript gestützt haben, das sie – da sich der Informationsstand nicht geändert hatte – wortgleich wiederholt haben.“

Wortgleich – in der Tat. Aber auch alle Atmer, alle Pausen, alle Betonungen sind auf die Tausendstelsekunde identisch. Das zeigt sich auch im Schnittprogramm, in dem wir die beiden Sendungen übereinander gelegt haben.

An- und Abmoderation unterscheiden sich sichtbar. Die "Antwort" des Reporters allerdings ist technisch identisch.

An- und Abmoderation unterscheiden sich sichtbar. Die „Antwort“ des Reporters allerdings ist technisch identisch.

An- und Abmoderation unterscheiden sich sichtbar. Die "Antwort" des Reporters allerdings ist technisch identisch.

Das gleiche Bild am Tag davor. Unterschiedliche An- und Abmoderation, identische „Antwort“.

Niemand spricht zweimal eine technisch hundertprozentig identische Antwort – erst recht nicht in einer Live-Situation. Nicht einmal die angeblichen Sprachartisten vom Bayerischen Rundfunk. Es handelt sich um ein aufgezeichnetes Stück und kein Live-Gespräch. Hier will uns der BR für dumm verkaufen – und vor allem seine Hörer.

Keine Ausrutscher

Die beiden Beispiele sind leider nicht die einzigen, die ein fragwürdiges Verständnis von Ehrlichkeit in den Bayern-1-Nachrichten offenbaren. Nach dem Axt-Attentat von Würzburg moderiert Nachrichtensprecher Christoph Wöß den Kollegen Henning Pfeifer an als stünde er ihm gegenüber: „Henning, wie ist das Ganze denn abgelaufen?“

Auch hier wird ein Gespräch suggeriert, das nie stattgefunden hat. Die Erklärung des Bayerischen Rundfunks:

„Einzelne Antworten von Henning Pfeifer wurden in den Nachrichten im Lauf des Morgens zugespielt. Da er nicht exklusiv auf Bayern 1 war, haben wir auf Formulierungen wie „bei uns im Studio“ oder ähnliches verzichtet.“

Stimmt. Das Gefühl, den Reporter live im Studio zu haben, wird allerdings gerne mitgenommen – oder warum wird die „Antwort“ nicht als Reporter-Aufsager anmoderiert, sondern als Fake-Gespräch inszeniert?

Gescheiterter Putsch – gescheitertes Live-Fake

Und nach dem gescheiterten Putschversuch des türkischen Militärs erklärt BR-Außenpolitik-Experte Clemens Verenkotte die Situation. Einmal um 6 Uhr.

Und einmal um 8 Uhr.

Auch hier wird das aufgezeichnete Reporterstück mit „Unser BR-Außenpolitik-Experte Clemens Verenkotte beantwortet heute früh hier auf Bayern 1 unsere Fragen.“ bzw. „Im Bayern-1-Studio heute früh ist unser BR-Außenpolitik-Experte Clemens Verenkotte.“ und einer direkten Frage anmoderiert. Darauf folgt die technisch identische „Antwort“. Die Erklärung des BR:

„Nach dem Putschversuch in der Türkei war unser Außenpolitik-Experte Clemens Verenkotte live im Bayern-1-Studio („Im Bayern-1-Studio ist heute früh …“). Er hat nicht nur Fragen für die Magazinsendung, sondern exklusiv auch Fragen des Bayern-1-Nachrichtenpresenters beantwortet. Aus technischen Gründen hat er das wenige Minuten vor der Nachrichtensendung getan. In den Nachrichten hat der Presenter die Originalfrage live gestellt und die Originalantwort zugespielt.“

Was denn nun? Live im Bayern-1-Studio? Oder aufgezeichnet? Und: Hat er die „Antwort“ wirklich wenige Minuten vor der 8-Uhr-Ausgabe der Nachrichten eingesprochen gegeben, wenn sie doch identisch schon zwei Stunden vorher lief?

Der Bayerische Rundfunk spielt hier mit der Glaubwürdigkeit seiner Nachrichten. Und er tut es ohne jede Notwendigkeit. Ein ehrlich anmoderiertes Reporterstück erfüllt journalistisch den gleichen Zweck. Nur hätte es in den Ohren der Bayern-1-Nachrichtenredaktion offenbar nicht so schön nach dem Live-Medium Radio geklungen. Damit sind die Kollegen aus Bayern natürlich nicht allein. Fake-Gespräche oder als live verkaufte, aufgezeichnete Aufsager sind in vielen Sendern und Nachrichtenredaktionen üblich. Aber: Wer live klingen möchte, ohne sich die Arbeit einer echten Live-Sendung zu machen, täuscht seine Hörer. Das ist gerade in Zeiten von „Lügenpresse“-Vorwürfen brandgefährlich für die Glaubwürdigkeit aller Radiomacher.

Wir sagen ganz klar: Nachrichtensendungen werden nicht vorher aufgezeichnet. Und was nicht wirklich live ist, wird auch nicht als live verkauft. So steht es in unserem Tutzinger Appell.

Dass der BR ausgerechnet uns als engagierte tagtägliche Radiomacher mit einer dreisten Lüge für dumm verkaufen will, verrät viel über das Verständnis von Aufrichtigkeit im Bayerischen Rundfunk und ist fast schon so skurril, dass es lustig ist. Wenn es nicht so traurig wäre.

Update, 5.9.2016, 17.00 Uhr
Wenige Stunden nach Veröffentlichung dieses Artikels hat sich der Bayerische Rundfunk bei uns gemeldet. Er bestätigt unsere Recherchen und verspricht eine interne Aufklärung der Live-Fakes. Max Stocker, Redaktionsleiter Nachrichten, sagt:

„Wir müssen mit dem zuständigen Nachrichtenredakteur darüber ernsthaft reden. Er verstößt mit diesem Vorgehen gegen unsere Grundsätze als öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender. Wir werden diese Regeln intern nochmals in Erinnerung rufen.“

Anhang
Das folgende PDF-Dokument enthält unsere Konversation mit der Pressestelle des Bayerischen Rundfunks im Wortlaut. Wir haben Signaturen mit persönlichen Daten entfernt, auf Seiten des BR auch Namen von Mitarbeitern.

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