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SWRinfo erfindet die Zeitmaschine:
Massive Hörertäuschung im Medienmagazin
UPDATE:
SWR-interne ver.di-Gruppe sieht weitreichende Missstände – „kein Einzelfall“

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Wir sind vieles gewohnt. Schleichwerbung, Gewinnspielbetrug, Live-Fakes. Wir sind es auch gewohnt, dass all dies schon lange kein alleiniges Problem der Privatsender mehr ist. Und dann kommt dieser Moment, in dem wir es trotzdem immer wieder nicht glauben können. Ein Live-Fake, ausgerechnet bei einem öffentlich-rechtlichen Infosender, ausgerechnet in einem Medienmagazin. Und ausgerechnet ein Live-Fake der allerschlimmsten Art. SWRinfo berichtet aus Versehen schon vor der sendereigenen „SWR3-Grillparty“ darüber. Ein zu früh hochgeladener Podcast hat diesen Hörerbetrug entlarvt.

SWR-Fernsehmoderatorin Lena Ganschow („Kaffee oder Tee“) ist überzeugt: „Also dieses Spargelgulasch zum Beispiel mit diesem Löffel-Chili-Maisbrot, joa, ich glaube, das werd ich das ein oder andere Mal noch machen.“ Und SWRinfo-Moderator Martin Kilgus sekundiert: „Kann ich bestätigen, das war lecker.“ In dem Gespräch geht es um die SWR3-Grillparty, eine sechssstündige Radio-Fernseh-Online-Grillshow am 1. Mai. Das Gespräch wurde am Vorabend, am 30. April um 18.18 Uhr, als Podcast in die SWR-Mediathek hochgeladen. Inzwischen ist es wieder verschwunden, läuft doch das Medienmagazin von SWRinfo eigentlich erst am Wochenende.

Die SWR-Mediathek am 30.04.2014, 18.18 Uhr.

Die SWR-Mediathek am 30.04.2014, 18.18 Uhr.

Anhören kann man sich das Gespräch natürlich trotzdem, zum Beispiel beim Kollegen Niggemeier, der auch als Erster darüber berichtet hat. Oder in unserer Soundcloud.

SWRinfo berichtet also VOR einer Live-Sendung darüber, wie die Live-Sendung lief. Alle sind zufrieden, lecker wars und für die Moderatorin eine ungewohnte Herausforderung, die sie natürlich gemeistert hat. Und auch verschiedene Zeitungen haben im Nachhinein darüber berichtet. Welche genau lässt sich freilich nicht sagen – vor der Veranstaltung. Aber es werden schon welche berichtet haben.

Man könnte den SWR darum beneiden, offenbar eine Zeitmaschine im Funkhaus-Keller in Baden-Baden zu haben. Man könnte aber auch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ob dieser einmaligen Mischung aus Hörerverachtung, völliger Abwesenheit von journalistischer Ethik und nicht zuletzt schierer Dummheit. In diesen vier Minuten hat sich fast die komplette Anstalt disqualifiziert, von ihren Hörern ernst genommen zu werden. Eine ganze Reihe von Entscheidungen müssen gefällt werden, bevor so ein Live-Fake produziert wird. Hinter diesen Entscheidungen steht also eine ganze Reihe von Menschen. Ausgerechnet Menschen, die sich zur journalistischen Bastion im Rundfunk zählen, CvDs, Redakteure und Moderatoren einer Infowelle, eines Medienmagazins. Jemand muss die Idee gehabt haben, seine Hörer massiv zu täuschen, um vielleicht ein wenig Aufwand zu sparen. Jemand anderes muss es zumindest nicht schlimm gefunden haben. Und am Ende waren sich nicht mal die beiden Moderatoren zu schade, für dieses Schmierentheater zur Verfügung zu stehen. Mit Journalismus hat das gar nichts zu tun. Es ist verwerflich, nicht nur journalistisch, auch menschlich. Es ist eine einzige, vier Minuten lange Lüge.

Und es ist so verdammt unnötig. Wenn man schon sein Medienmagazin zur Crosspromotion eigener Veranstaltungen benutzen muss, warum kann man dann nicht NACH der Veranstaltung darüber reden? Wenn Frau Ganschow zu erschöpft ist, notfalls auch am Telefon. Und wenn Frau Ganschow am Wochenende im Kurzurlaub ist oder am heimischen Kugelgrill, notfalls auch am Freitag – vor der Radiosendung, aber NACH der Live-Veranstaltung. (Natürlich kennzeichnet man das Gespräch dann als aufgezeichnet, wenn es am Wochenende im Radio läuft.)

In unseren Ethik-FAQ haben wir zusammengefasst, warum Live-Fakes Mist sind und wie man sie umgehen kann. Auch für SWRinfo-Moderatoren.

Wir haben der SWR-Pressestelle inzwischen eine E-Mail mit unseren Fragen geschrieben. Wir sind gespannt auf die Ausreden Antworten.

15:43 Uhr – Update: Noch bevor wir eine Antwort der Pressestelle einholen konnten, hat sich SWRinfo bei Tumblr entschuldigt: „Liebe Medieninteressierte, wir entschuldigen uns ausdrücklich für die versehentliche vorzeitige Publikation unseres Medienmagazins als Podcast. Es ist ein journalistisches No-Go. Fehler passieren und auch wir sind nicht davor gefeit. Wir gehen der Sache nach.“ – Klingt ein bisschen nach: Nächstes Mal faken wir besser. Vesprochen.

02. Mai – Update: Nachdem uns SWR-Pressesprecherin Anja Görzel bereits gestern Nachmittag angerufen hatte und hörbar überrascht von dieser journalistischen Unsauberkeit war, folgte nun heute die ausführliche Stellungnahme zu unseren Fragen. Unter anderem wollten wir vom SWR wissen, wie so ein Live-Fake-Gespräch entstehen kann und welche Entscheidungsträger daran beteiligt sind. Die Antwort erklärt das Problem allerdings nur halb.

Bei der Themenabsprache gibt es einen ständigen Austausch zwischen den Machern des Magazins „SWRinfo Medien“ und dem Redaktionsteam/-leitung auf diversen Konferenzen. Dabei pflegen wir das „Vier-Augen-Prinzip“, das für alle unsere Inhalte gilt. In diesem Fall war die Abnahme der Sendung durch die SWRinfo-Leitung für Freitag (2. Mai) verabredet. Durch das versehentliche frühere Einstellen als Podcast kam es zu dieser Abnahme leider nicht mehr.

Diese Antwort ist nicht dumm. Die Wellenleitung von SWRinfo ist damit fein raus. Sie hätte ja bestimmt eingeschritten, kam aber gar nicht mehr zum Zug. Dass unter ihrer ständigen Aufsicht allerdings überhaupt die Idee entstehen kann, so ein Gespräch vorher zu faken, wird nicht erwähnt. Stimmt – vier Augen waren wohl mindestens beteiligt, vermutlich sogar sechs oder acht. Die Wellenleitung hätte das Live-Fake-Gespräch vermutlich tatsächlich kassiert. Aber warum? Aus Überzeugung? Warum gelingt es ihr dann nicht, diesen Geist vom sauberen Journalismus in ihrer Redaktion zu verbreiten. Oder schlicht aus Wissen um die Tragweite, falls es rauskommt?

Außerdem haben wir gefragt, welche Regeln es im SWR für aufgezeichnete Interviews und Kollegengespräche gibt. Hier fällt die Antwort eindeutig aus, und erwartbar.

Sowohl dem SWR als auch SWRinfo liegen interne journalistische Leitbilder und Leitfäden vor. Danach widersprechen Interviews über ein Ereignis, die vor diesem aufgezeichnet werden und dann als live verkauft werden, den journalistischen Regeln.

Grundsätzlich sind voraufgezeichnete Gespräche, die dann als live verkauft werden, aber kein Problem.

Im SWR und in der gesamten ARD werden täglich viele Hörfunkinterviews voraufgezeichnet. Etwa bei der Krisenberichterstattung ist das mit über 50 ARD-Hörfunkprogrammen auch gar nicht anders möglich. Entscheidend ist das Wie. Natürlich können in aufgezeichneten Gesprächen nur Ereignisse zeitnah dargestellt oder kommentiert werden, die bereits stattgefunden haben. Alles andere ist unseriös.

„Entscheidend ist das Wie.“ – Stimmt. Zum Beispiel, indem man sagt, dass es kein echtes Gespräch ist, wenn der Korrespondent seine Antworten einspricht und die Fragen dazu liefert, die der Moderator stellen soll. Und wenn man das für unzumutbar hält, zumindest auf Formulierungen verzichtet, die eine Live-Suggestion noch unterstützen. Aber das meint die SWR-Pressestelle hier nicht. Das hält sie offenbar für unproblematisch. Problematisch ist nur, wenn es sich dabei wie in diesem Fall um einen glasklaren Betrug handelt. Immerhin da sind wir uns einig.

Jetzt soll die SWR-Qualitätssicherung überprüft werden, damit so ein Hörerbetrug in Zukunft nicht wieder passieren kann. Wir würden gerne glauben, dass es nicht am System SWR lag, sondern die Entgleisung einzelner Beteiliger war. Wollen wir hoffen, dass der SWR das in Zukunft schon im Keim verhindert, damit die Glaubwürdigkeit des Mediums Radio nicht weiter leiden muss.

9. Mai Update:
Stefan Niggemeier hat ein Papier des ver.di Betriebsverbands beim SWR veröffentlicht.

Darin wird das gefakte Interview auf SWRinfo nur als „Symptom für einen viel tiefer gehenden Verfall guter journalistischer Sitten“ im SWR bewertet.

Das Papier zählt Beispiele auf:

„Es laufen Interviews, die nie geführt wurden.“

„Hörfunkwellen bewerben sich selbst mit gefakten Hörer-O-Tönen“

Korrespondenten würden genötigt Live-Reportagen abzuliefern, noch ehe das Ereignis überhaupt begonnen hat.

Uns von fair radio erschreckt und freut dieses Papier.

Denn wie tief muss das journalistische Selbstverständnis eines öffentlich-rechtlichen Hauses gesunken sein, wenn sich dort offenbar solche Praktiken breit machen?

Gleichzeitig decken sich diese Beschreibungen mit Hinweisen, die uns aus vielen anderen Häusern erreichen (öffentlich-rechtlich wie privat). Und sie decken sich mit den Erfahrungen, die viele unserer Unterzeichner schildern.

Dass es offenbar einen Zwischenfall wie den bei SWRinfo braucht, um dem Thema endlich die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient, ist traurig, aber immerhin ein Anreiz, genau das weiterhin zu tun, was wir schon immer gemacht haben: Uns für faires Radio einsetzen.

Wir hoffen, dass der SWR (und andere ARD-Anstalten und privaten Sender), die Signale versteht, und jetzt nicht nur über Qualität debattiert, wie es das ver.di-Papier fordert, sondern sich verbindliche Regeln gibt, wie radiojournalistisches Handwerk funktioniert.

Unser Tipp: Die klaren Regeln des Tutzinger Appell:

1. Recherche muss vor Schnelligkeit gehen.
2. Es wird nichts vorgegaukelt, was nicht tatsächlich so ist (der Reporter, der angeblich vom Ort des Geschehens berichtet, tatsächlich aber im Studio sitzt; der Verkehrsreporter, der vorgibt, aus einem Verkehrsflieger zu berichten)
3. Was nicht wirklich live ist, wird auch nicht als live verkauft.
4. PR-Beiträge gehören in den Werbeblock und nicht ins redaktionelle Programm.
5. Nachrichtensendungen werden nicht vorher aufgezeichnet.
6. Mogeleien bei Gewinnspielen sind tabu.

Und die konkreten Tipps unseres Ethik-Fragen-Katalogs.

Übrigens: Auch Unterzeichner aus dem SWR sind herzlich willkommen. Hier.

0 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Klingt ein bisschen nach: Nächstes Mal faken wir besser. Vesprochen.

    Prinzipiell teile ich eure Meinung. Inwiefern das glaubhaft ist… aber fairerweise muss man auch folgendes bedenken:

    Wir leben in einer Zeit, in der sich die Leute sehr schnell empören. Ich würde sagen, sie empören sich nicht wirklich, aber mal kurz ein Posting/Retweet/Kommentar… das geht immer (und dann kann man auch mal auf die Rechtschreibkontrolle verzichten – Hauptsache die eigene Kritik/Empörung ist sofort zu lesen *zwinker*). Daraus machen dann andere einen Skandal, „Schon X Reaktionen!“

    Man würde sich doch eigentlich wünschen, der SWR würde die Sache jetzt intern prüfen. Ich unterstelle dem SWR einmal, dass das *nicht* üblich ist, auch wenn ich bei Stefan Niggemeier im Blog gelesen habe, dass das im Radio wohl „normal“ sei (wenn das so ist, ist dass für mich als reiner Hörer der größere Skandal). Am Freitag/Montag oder evtl. auch im laufe der kommenden Woche kommt dann eine ehrliche Erklärung/Entschuldigung.

    Aber geben wir, die medial empörten Leute, dem SWR (und anderen, über die man sich so schnell empört) diese Zeit? Nein. Jede Stunde in der es keine offizielle Reaktion gibt, ist für uns unfassbar. Das steigert die Empörung. Am Ende weiß niemand mehr, warum man eigentlich empört ist.. aber das ist eh egal.

    Also ernsthaft die Frage:
    In welcher Form hätte der SWR denn hier jetzt reagieren sollen? Wie stellt ihr euch die perfekte angemessene Reaktion auf so etwas vor?

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  2. Hallo Igor,

    ich finde die Wortwahl hier einfach peinlich. Wir erwarten nicht, dass SWRinfo heute schon dazu Stellung nimmt. Es ist Feiertag, das ist okay.

    Aber wenn es schon so eine Kurzentschuldigung gibt, dann doch bitte nicht „für die versehentliche vorzeitige Publikation unseres Medienmagazins als Podcast“. Das ist doch nicht das Problem! Sie haben ihre Hörer beschissen, das ist das Problem und dafür müssen sie sich entschuldigen. Die „versehentliche vorzeitige Publikation“ ist die Dummheit NACH dem Betrug.

    „Ja Herr Richter, ich bedauere sehr, dass ich mich hab erwischen lassen.“ ;-)

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  3. Ich habe einmal gesagt, dass Journalisten heute nur die billigen Klatschtanten der Moderne sind. Dieser Fehler bestätigt diese Einschätzung.

    Eigentlich kann man nur mehr Demokratie bei der GEZ-Steuer fordern: Ich würde mir wünschen, dass ich alle vier Jahre wählen darf, welcher Sender meine GEZ-Steuer bekommt.

    Dieter

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  4. Diesen Artikel habt Ihr aber künstlich aufgeblasen, das hätte man auch mit 1/3 der Worte schreiben können.

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  5. Den Finger in die Wunde falscher „Live“-Berichterstattung zu legen ist sicher richtig.

    Viel schlimmer als dieses – hoffentlich eher seltene – journalistische No-Go finde ich das, was inhaltlich hinter dem Bericht steht: es ist nämlich eine absolute Null-Nummer. Es geht schlicht um NIX! Nur Nabelschau und Werbung in eigener Sache. Genau das wird uns immer mehr angeboten. Das ist nicht nur ein No-GO, sondern der journalistische Offenbarungseid.

    Zynisch könnte man sagen: die beiteiligten Journalisten haben erkannt, dass der Beitrag sowieso nur heiße Luft ist und dass es deshalb auch nicht darauf ankommt, ob er gefakt ist oder nicht.

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